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22.02.2018

Antisemitismus in Deutschland – kein neues Problem

„Niemand schützt euch, ihr werdet alle in der Gaskammer landen. Keiner will euch!“. Es ist ein erschreckendes Video, mit dem Akademiedozent Tobias Henrix in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in die Tagung zum Antisemitismus einleitet. Erschreckend einerseits wegen der offenen antisemitischen Hetze. Erschreckend andererseits auch, weil diese Sätze nicht aus einer längst vergangenen Zeit stammen, sondern genau so im Dezember 2017 vor einem israelischen Restaurant in Berlin gefallen sind.

Keimt ein neuer Antisemitismus in Deutschland auf? Woran liegt das, und was kann man dagegen tun? Darüber diskutierten in der Akademie in Mülheim die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, der Leiter der Alten Synagoge Essen, Dr. Uri Kaufmann und der langjährige Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag, Volker Beck.

Ständige Bedrohung

Betroffen zeigte sich Judith Neuwald-Tasbach von den Aussagen des Videos: „Dass sich die Ansicht, dass Juden nicht zu Deutschland gehören, bis heute hält, tut sehr weh. Meine Familie hat schon immer in Gelsenkirchen gelebt. Deutschland ist unsere Heimat“. Ihre Eltern, Überlebende des Holocaust, hätten sich bewusst entscheiden, in Deutschland zu bleiben, in dem Vertrauen, dass dieser Staat nach den Erfahrungen der Shoah solche Feindseligkeiten nie wieder zulassen würde. 70 Jahre später sei dieses Vertrauen erschüttert. Regelmäßig gibt es Vorfälle: Scheiben der Synagoge werden eingeworfen, Hakenkreuze eingeritzt, jüdische Menschen, die in der Öffentlichkeit eine Kippa tragen, werden beschimpft.

Neue Präsenz eines alten Problems

Neu ist das Problem mit dem Antisemitismus nicht. „Jede Partei und jedes Milieu hat ihre Antisemiten. Das war schon immer so“, erläuterte Volker Beck. Neu ist aber die Präsenz. Gerade durch die Vernetzung in Sozialen Medien sinkt die Hemmschwelle. Die Anonymität des Internets und die scheinbar größere Basis in der digitalen Community verleitet dazu, sich öffentlich zu äußern. „Dadurch kommt der ganze Morast, der sonst am Stammtisch blieb, jetzt hoch“, so Beck.

Eine neue Präsenz bekommt das Thema auch in der Politik. Hier sieht Uri Kaufmann einen qualitativen Wandel. Politischer Populismus sei heute in Deutschland geduldet, es gebe keine Konsequenzen. „Für die Aussagen, die einige AfD-Politiker sich heute öffentlich ungestraft leisten, hätte jeder Politiker vor 20 Jahren seinen Rücktritt aus der Politik erklären müssen“. Dass die, die sich klar antisemitisch äußern, keine Konsequenzen zu tragen hätten, sei erschreckend, so der Historiker.

Schulen in der Pflicht

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass Antisemitismus häufig mit fehlendem Wissen verbunden ist. Tatsache ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema im Unterricht häufig zu kurz kommt oder auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt wird. So wird Schülern vermittelt, Antisemitismus sei ein Problem der Vergangenheit. Beck forderte hier eine „vernünftige und sensible Pädagogik“. Es müssten neue Wege einer umfassenden Wissensvermittlung gefunden werden.

Neuwald-Tasbach sprach sich für die Idee des zurzeit häufig diskutierten verpflichtenden KZ-Gedenkstättenbesuchs für Schüler aus. Aus ihrer eigenen Erfahrung mit Schulklassen berichtete sie, dass gerade diese Gedenkorte die Schüler emotional berühren und sie in besonderer Weise begreifen lassen, dass der Holocaust Realität war. Wichtig sei allerdings eine entsprechend sensible Vor- und Nachbereitung, um einen Lerneffekt und eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu erreichen.

An die Lehrer appellierte Kaufmann, nicht vor Problemen zurückzuweichen. Viele Lehrer hätten, gerade in Klassen mit muslimischen Schülern, Angst, das Thema anzugehen. Synagogenbesuche würden abgesagt, weil Eltern ihren Kindern die Teilnahme verbieten. Sich dem zu beugen, sei falsch. Hier, so unterstützte Beck den Appell, müssten die Schulen durchgreifen. Wenn der Besuch einer Synagoge Teil des Unterrichts sei, seien die Schüler verpflichtet, daran teilzunehmen.

Klare Grenzen ziehen

Beck plädierte dafür, klare Zeichen gegen den Antisemitismus zu setzen. Dazu gehöre unter anderem, auch in der Politik und der Justiz ganz deutlich zu machen, was gesagt werden darf und was nicht. Zudem sei eine Sensibilisierung notwendig: „Wenn Polizei und Justiz Antisemitismus nicht erkennen und ahnden, haben wir ein Problem“.

Verabschieden müsse man sich, so Beck, von der Idee, den Antisemitismus ganz loszuwerden. Möglich sei es aber, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Dazu sei es erforderlich, offen über das Thema zu reden. An die rund 100 Teilnehmer im Publikum appellierte der Politiker: „Lassen sie die jüdischen Bürger nicht allein damit, Antisemiten in die Schranken zu weisen. Das ist unser aller Aufgabe.“

Kirche thematisiert Antisemitismus

Ein Zeichen gegen den Antisemitismus will auch das Bistum Essen setzen. Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck und Weihbischof Wilhelm Zimmermann, Bischofsvikar für den Interreligiösen Dialog, haben bereits im Jahr 2016 alle jüdischen Gemeinden im Gebiet des Bistums besucht und wollen das Problem weiter thematisieren. Auch die Wolfsburg bleibt am Thema: In einer Lehrerfortbildung am 27. September 2018 geht es um die Frage, wie Schulen und Lehrer dem wachsenden Antisemitismus unter Jugendlichen begegnen können. (lk)

Fotos: Ludger Klingeberg | Die Wolfsburg