Druck starten

Seite: http://die-wolfsburg.de/aktuelles/detail.html
Druckdatum: 11. Dezember 2017 - 06:45 Uhr
Navigation: Die Wolfsburg / Aktuelles

07.12.2017

Die Chance nutzen, ganz neu zu denken

Der Bergbau hat mehr als ein Jahrhundert lang die Menschen des Ruhrgebiets geprägt. Grund genug, zum Ende des Steinkohle-Bergbaus im Ruhrgebiet im Jahr 2018 darüber zu sprechen, welche Werte und Mentalitäten in Zukunft erhalten bleiben. Die Kabarettistin Gerburg Jahnke, der Regisseur Adolf Winkelmann und der ehemalige Leiter des Klartext-Verlags, Dr. Ludger Claßen, diskutierten bei einer Veranstaltung der Wolfsburg über Heimat, Sprache, Minderwertigkeitskomplexe und die Zukunft des Ruhrgebietes.

Zukunft aus Herkunft

Das Ende der Zechen und Stahlwerke hat das Ruhrgebiet hart getroffen. „Wir haben alles verloren“, stellte Regisseur Adolf Winkelmann gleich zu Beginn der Diskussion fest. Bei allen Schwierigkeiten sieht er darin eine große Chance: Beim Blick zurück bleibe nichts mehr übrig, also müsse man den Blick in die Zukunft richten und die Chance nutzen, ganz neu zu denken. So seien auch seine Filme nicht Verherrlichung des Vergangenen, sondern Bewahrung der Herkunft, aus der die Zukunft entsteht.

Aus der Frage nach der Herkunft und der Identität des Ruhrgebiets wurde auch in den 1980er Jahren der Klartext-Verlag gegründet. Ziel war es, so Gründer Ludger Claßen, „ein Archiv des Ruhrgebiets aufzubauen“. Über 1000 Bücher über das Ruhrgebiet sind im Verlag erschienen. Dazu kommen identitätsstiftende Bücher über die Ruhrgebietssprache, etwa Wörterbücher, in denen Menschen alltägliche Begriffe aus ihrer Kindheit wiederentdecken.

Sprache als Motor der Entwicklung

Überhaupt war die Sprache ein wichtiger Motor der Entwicklung im Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet konnte nur deshalb zum Weltmeister in der Integration werden, weil Einheimische und Zugewanderte unter Tage zusammen arbeiteten und sich dementsprechend verständigen mussten. Heute, so stellte Gerburg Jahnke fest, sei aus der lebenswichtigen Kommunikationssprache ein Regiolekt geworden, der nicht mehr identitätsstiftend sei, wenngleich der Ruhrgebiets-Slang noch immer in ganz Deutschland als angenehm und sympathisch empfunden würde.

Identitätsbildung, so Jahnke, finde heute nicht mehr über Sprache, sondern über lokale Zugehörigkeit statt. In einer orientierungsloser werdenden Welt sehnen sich die Menschen nach verlässlichen Bezügen. „Man kommt nicht mehr aus Oberhausen, sondern aus Osterfeld oder Sterkrade“, sagte Jahnke und wurde in ihrer Analyse von Claßen unterstützt: „Das Ruhrgebiet ist immer noch eine Ansammlung von Dörfern. Bestes Beispiel sind die alten Nummernschilder, die jetzt wieder gefragt sind.“

Neue Ideen entwickeln

Wohin sich das Ruhrgebiet in Zukunft entwickelt, vermochten die Diskussionsteilnehmer nicht zu sagen. Wichtig sei aber, nicht in Nostalgie zu schwelgen, sondern nach vorne zu blicken, so Claßen. Mit der Route der Industriekultur sei das bereits beeindruckend gelungen. Die neue Inszenierung industrieller Gebäude schaffe eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die gleichzeitig in die Zukunft weist. Wichtig sei dabei Mut, ergänzte Winkelmann: „Wir stehen ganz am Anfang und das was hinter und liegt, hilft uns nicht weiter. Deshalb müssen wir uns trauen, neue Ideen entwickeln“. Einen Appell richtete Jahnke an die Politik: „Wichtig ist, das Leute Dinge ausprobieren dürfen und dabei von der Politik unterstützt werden.“ Von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Entwicklung des Ruhrgebiets sei, dass Menschen mit innovativen Ideen keine Steine in den Weg gelegt werden. (lk)

Foto: Ludger Klingeberg | Die Wolfsburg