Volltextsuche innerhalb der Webseite:
 

Hauptmenü

27.04.2018

Mit und ohne Kulturbrille

Innergesellschaftliche Pluralisierung, kulturell-religiöse Heterogenisierung und Globalisierung führen zu neuen Herausforderungen für Einrichtungen und Akteure im Gesundheitswesen. Um diese spannungsreichen Prozesse genauer zu analysieren und theoretische Erkenntnisse für die Praxis nutzbar zu machen, wurde das Projekt „Interkulturelle und religionssensible Ethik im Gesundheitswesen: Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis“ gegründet. Das Projekt basiert auf einer Kooperation zwischen dem Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück, dem Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Universität Bochum, dem Arbeitskreis Interreligiöser Dialog im Bistum Essen und der Katholischen Akademie Die Wolfsburg.

Im Rahmen dieses Projektes fand vom 24. bis 25. April 2018 ein anderthalbtägiger Praxis-Workshop zum Thema „Körpergrenzen: Diskurse über Schmerz, Scham und Intimität“ in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg statt. Bereits der „bunte“ Kreis der Teilnehmenden, bestehend z.B. aus Ärztinnen, Medizinethnologinnen, Pflegepädagogen oder Sozialberatern, spiegelte die Breite des Diskursfeldes wider.

Florian Jeserich, Referent am „Forum für Ethik und Profilbildung im Gesundheitswesen“ der Katholischen Akademie Die Wolfsburg führte durch die Veranstaltung. Die Juristin, Trainerin und Therapeutin Asiye Balikci-Schmidt referierte über „Schmerzempfinden aus interkultureller Sicht“ und bezog die Teilnehmenden mit systemischen Aufstellungen, Diskussionen und kollegialen Fallberatungen aktiv mit ein. Der syrische Arzt Dr. med. Zouhair Al-Halabi, internistischer Onkologe und Palliativmediziner, beleuchtete das Thema „Scham und Intimität aus muslimischer Sicht“. Der anschließende Austausch erstreckte sich über das Ideal der gleichgeschlechtlichen Pflege und medizinischen Untersuchung über Datenschutzfragen bis hin zur aktuellen Kopftuchdebatte. Der Geriater Prof. em. Dr. med. Hans-Georg Nehen sprach über „Körpergrenzen in der Altersmedizin“ und über seine Erfahrungen mit der Versorgung von Migrantinnen und Migranten ohne Krankenversicherung bei der Malteser Migranten Medizin in Duisburg.

Der Praxis-Workshop machte deutlich, dass „Körpergrenzen“ sowohl individuell empfunden und definiert werden als auch soziokulturell und religiös normiert sind. Beim Umgang mit Menschen, die „andere“ Körperkonzepte und -wahrnehmungen haben, braucht es eine besondere kulturelle Sensibilität und Aufmerksamkeit. Jedoch ist gleichzeitig davor zu warnen, Konflikte und Missverständnisse ausschließlich durch eine „Kulturbrille“ zu betrachten, die individuelle Unterschiede negiert. Im Extremfall kann dies zu stigmatisierenden und beleidigenden Pauschalurteilen führen wie dies bspw. in der Pseudo-Diagnose „Morbus Bosporus“ (ein südländischer Patient, der über unspezifische Schmerzen klagt) zum Ausdruck kommt. Eine kultursensible Versorgung gelingt dann, wenn kulturelles Wissen mit einer inneren Haltung der Offenheit und Wertschätzung verbunden wird.

Ein ausführlicher Workshopbericht erscheint demnächst in der ersten Ausgabe des „Jahrbuchs für interkulturelle Ethik im Gesundheitswesen“ unter http://www.interkulturelle-ethik.de/ (FJ).

Bildnachweis: shutterstock