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12.04.2018

Praktikumsblog: "Hey Zukunft."

Auf meinem Schreibtisch steht eine verknickte und schon sichtlich mitgenommene Postkarte mit der Aufschrift ‚Hey Zukunft‘. Auf einer Exkursion zum Bergwerkgelände der Zeche Zollern in Dortmund fiel mir die Karte sprichwörtlich vor die Füße. Ihre Botschaft schien verloren auf dem Boden zu liegen. Ich habe die Karte gefunden und mitgenommen. Jetzt möchte ich ihre Metapher nutzen um diesem Artikel die nötige Würze zu verleihen.

Es ist viel passiert in der Wolfsburg! Zahlreichen Veranstaltungen, Gedanken, Gespräche und Erfahrungen warten darauf, berichtet zu werden. In diesem Einblick geht es um: Ziele, Zukunft und Zuversicht. Warum ist es heute unerlässlich, sich mit der Zukunft Ostasiens auseinanderzusetzen? Wer bringt in Zukunft „den Pott zum Glänzen“? Und welcher Perspektivwechsel hat mich beim Fotoworkshop des Nachtreffens der Herbstakademie ins Staunen versetzt? Antworten gibt es wie gewohnt in diesem Artikel!

Unteroffiziersakademie Ostasien

Ostasien, das ist ein ganzer Erdteil, der sich wie kein zweiter in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Die wirtschaftlichen Machtverhältnisse lassen China zum Regionalhegemon aufsteigen. Nordkorea schürt neue Feindbilder, während in Japan die guten Beziehungen zum Westen gepflegt werden. „Ostasien ist ein zutiefst heterogenes Gebiet“, stellte Dr. Hanns Günther Hilpert ganz zu Beginn der Tagung prägnant fest.

In einer kurzen Vorstellungsrunde wird mir bewusst, dass ich als einzige Frau am Seminar teilnehme und dass mein Nachbar bereits reichlich Erfahrung im ostasiatischen Raum gesammelt hat. Er berichtet von Einsätzen in Kambodscha, Sri Lanka und der Mongolei. Die Atmosphäre ist entspannt, aber konzentriert. Nach einer Minute klopft es an der Tür. Zwei uniformierte Männer treten ein – ihre Mienen sind ernst und streng. „Entschuldigen Sie unsere Verspätung, Kommandant!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die zwei Herren setzen sich zügig und ein Großteil der Teilnehmer kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Wir sind hier nicht auf der Arbeit“, raunt einer der Kollegen unüberhörbar. Mir wird bewusst, dass ich mit diesem Seminar eine vollkommen fremde Welt betrete.

Während ich in die Runde schaue und jeder Teilnehmer sich vorstellt, versuche ich mir vorzustellen, was diese Männer bereits erlebt haben. Manche berichten nur kurz die Abkürzel der Operation, in der sie gearbeitet haben – Andere geben kleine Einblicke in ihre Arbeit. Afghanistan, Mali, Russland – viele der Berufssoldaten haben schon viel gesehen. Das Interesse für das Seminarthema ist groß. „Ich möchte mich gerne weiterbilden, denn über die Ostasiatische Region habe ich zuvor nur in den Medien erfahren“, erklärt mir ein Unteroffizier in der Kaffeepause. „Wir kommen immer wieder gerne in die Wolfsburg“, höre ich öfter und erfahre, dass die Veranstaltung bereits auf eine jahrelange Tradition zurückblicken kann.

Am zweiten Seminartag wird der Blick Richtung China erweitert. Die Geschäftsführerin des Konfuzius-Institutes der Universität Duisburg-Essen, Susanne Löhr, versucht etwas Ordnung und Struktur in die zahlreichen Informationen über dieses riesige Land zu bringen. „China benötigt Innovation, um sein Wirtschaftswachstum auf Dauer halten zu können“, so Löhr, nur sei dies natürlich in einem autoritären Staat schwer zu verwirklichen. Besonders interessant erschienen mir ihre Hinweise zum chinesischen Kommunikationssystem. Durch das Einparteiensystem gibt es in China statt Whatsapp We Chat, Google wird durch Baidu ersetzt und Alibaba nimmt die Stelle Amazons ein. Die Regierung möchte damit die Kontrolle über seine Bürger behalten.

Zusammenfassend ist China ein Land der schnellen Transformation: U-Bahn-Netze vergrößern sich exponentiell, gesellschaftliche Prozesse benötigen hingegen Zeit. Chancen und Probleme begegnen sich auf einem schmalen Grad von Tradition und Erneuerung. Die Zukunft Ostasiens ist nicht eindeutig zu prognostizieren. Fest steht allerdings die wachsende Bedeutung, sich mit der Region auch im Westen stärker auseinanderzusetzen. In diesem Kontext kann ich eine Lektüre empfehlen, die mir im Studium begegnet ist und die in diesem Zusammenhang hervorragend passt: „Licht aus dem Osten“ von Peter Frankopan beleuchtet die Weltgeschichte aus der Perspektive Ostasiens. Der poetische Schreibstil reflektiert auf anregende Weise unser Geschichtsbewusstsein. Eine spannende Nachtlektüre der besonderen Art!

Genug der Schleichwerbung! Abschließend hat mir das Seminar nicht nur beeindruckende neue Perspektiven auf eine sich immer weiter entwickelnde Region ermöglicht – ich durfte auch die Menschen hinter dem Begriff „Berufssoldat“ kennenlernen und einen Einblick in das System Bundeswehr erhalten. Für die zahlreichen, guten Gespräche, die unerwartete Offenheit und das Verständnis bin ich sehr dankbar.

„Den Pott zum Glänzen bringen“

Seit einem Monat unterstütze ich das Ressort Kultur, Literatur und Politik. Meine Kollegen Dr. Matthias Keidel und Martin Schröder ermöglichten mir einen breiten Einblick in ihre Organisationsstrukturen. Wie organisiert man eine Großveranstaltung? Eines dieser Großprojekte durfte ich von der Planung bis zur Umsetzung begleiten. Die Abendveranstaltung „Den Pott zum Glänzen bringen“, im Rahmen des Projekts „Glückauf Zukunft – Aus Herkunft Zukunft leben“ an der Katholischen Akademie sollte den Dialog zwischen Kulturschaffenden im Ruhrgebiet und seinen Konsumenten fördern. Ist das Ruhrgebiet ein attraktiver Standort für Kulturschaffende? In welchem Verhältnis stehen Unterhaltungskultur und das weltberühmte Klavierfestival? Worin bestehen die Chancen dieser einzigartigen Metropole?

Als Podiumsgäste durfte ich Franz Xaver Ohnesorg, Intendant des Klavier-Festivals Ruhr, Prof. Dr. Hans-Peter Noll, bisher Flächenentwickler der RAG, nun Mitglied des Vorstands Stiftung Zollverein und Olaf Kröck, Intendant des renommierten Schauspielhauses Bochum in der Spielzeit 2017/18, demnächst Intendant der Ruhrfestspiele, kennenlernen. Drei Persönlichkeiten mit beeindruckenden Geschichten. Während des Gespräches konnte man die Begeisterung der Gäste für die Region sichtbar spüren. „Die Menschen hier sind einfach gut!“, brachte es Ohnesorg auf den Punkt.

Das angeregte Gespräch nahm auch bestehende Herausforderungen der Transformation im Ruhrgebiet ins Blickfeld: „In welcher Region in Deutschland engagieren sich das Theater, die Kunst und die Musik für Menschen, die kaum in Berührung mit ihr stehen? Hier im Ruhrgebiet ist es möglich!“, so Noll.

In der Vorbereitung formatierte ich die Moderationskarten, holte zahlreiche Recherchen zu den Podiumsgästen ein und half beim Aufbau und der Einrichtung des Saales. Es ist ein wunderschöner Moment, wenn man im Anschluss trotz vorheriger Bedenken merkt, dass die Veranstaltung gelingt, das Publikum begeistert mitgeht und die Podiumsgäste aus sich herausgehen.

Die letzten Fragen der Abschlussrunde durfte ich stellen: Was würden Sie mir als junger Mensch im Ruhrgebiet empfehlen? Was sollte ich mir unbedingt anschauen? Welche kulturellen Angebote und Projekte wird es in der Zukunft für junge Menschen im Ruhrgebiet geben? Professor Noll empfahl mir einen Spaziergang oder eine Fahrradtour durch die Region, bei der es darum gehe, den besten Kiosk „um die Ecke“ ausfindig zu machen, die Menschen kennen zu lernen, Natur und Stadt zu erleben. Sich treiben und überraschen lassen, hieß auch die Devise Olaf Kröcks. Mit einem Lächeln fügte er hinzu: „Gehen Sie ins Theater, vielleicht etwas modernes, es muss nicht immer Goethe oder Schiller sein. Das Ruhrgebiet ist mehrfach ausgezeichnet für seine Theater-Dichte.“ Ohnesorg empfahl mir den Kontakt zu einer engagierten Grundschule in Duisburg-Marxloh. „Hier wird Integration und Kultur gelebt!“, so Ohnesorg.

„Perspektivwechsel“- Nachtreffen der Herbstakademie 2017

Jeder kennt das Problem: Man sieht ein tolles Fotomotiv, holt seine Kamera heraus, um es für die Ewigkeit festzuhalten, voller Tatendrang setzt man die Linse an, schießt… und das Ergebnis ist enttäuschend. Fotografieren kann theoretisch jeder, aber praktisch gelingt es den Wenigsten von uns, ausstellungsreife Bilder zu produzieren. Profifotograf und Bergmann a.D. Maic Schulte und seine Lebensgefährtin Sandra Weißenfels kennen diese Probleme nur zu gut. In Kooperation mit dem Projekt „Glückauf Zukunft – Aus Herkunft Zukunft leben“, konnte der zweitägige Fotoworkshop für das Nachtreffen der Herbstakademie realisiert werden.

„Die meisten Menschen versuchen die Motive zu fotografieren, in der Art, wie sie diese sehen.“, erklärte Maic Schulte. Das sei ein großer Fehler, denn der menschliche Sehsinn unterscheide sich stark von der Fotolinse. „Der Kamera müssen wir durch bestimmte Anweisungen helfen, den richtigen Winkel zu finden.“, ergänzte Sandra Weißenfels. Nach einer ersten Workshop-Session auf dem Gelände der Wolfsburg fand ich heraus, dass eine nahe Betrachtung oft ausdruckstärker wirkt. In der Fotografie geht es nicht nur darum, mit großformatigen Panoramabildern zu prunken. Oft sind die kleinen, leicht zu übersehenden Dinge des Lebens es wert, neu in den Fokus gesetzt zu werden. Das kann eine kleine verrostete Schraube sein, eine Blume, die Rinde eines Baumes, und vieles mehr. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es ist, sich der eigenen Perspektive bewusst zu werden. Die unterschiedlichen Ergebnisse aller Teilnehmenden zeugten von der Vielfältigkeit unserer Perspektiven. Trotz gleicher Kulisse hatte jeder die Umgebung auf einzigartige Weise fotografiert. Die Kulissenwechsel in den Landschaftspark Duisburg-Nord und die Zeche Zollern in Dortmund sorgten für zahlreiche Motive.

In diesem aktionsreichen Seminar durfte ich viele motivierte und begeisterte Jugendliche kennenlernen, die sich ihren Fähigkeiten bewusst sind und zuversichtlich in die Zukunft schauen. In den nächsten Monaten werden die besten Werke auf den Kunstausstellungsflächen der Wolfsburg im Atrium und Forum des Hauses gezeigt werden. Ich kann nur so viel versprechen: Ein Besuch lohnt sich!

Hey Zukunft!

Dieser Artikel ist länger geworden als gedacht und doch gäbe es noch zahlreiche weitere Ereignisse zu berichten. Die Wolfsburg erlebe ich als einen Ort, der niemals ganz zur Ruhe kommt. Nach der Veranstaltung ist vor der Veranstaltung! Hier begegnen sich tagtäglich Menschen, die sich im öffentlichen Leben vielleicht übersehen würden. Etwas wehmütig muss ich mir eingestehen, dass meine Praktikumszeit sich dem Ende entgegen neigt. Aber davon möchte ich in meinem nächsten und letzten Artikel berichten. Die verknickte Postkarte vom Anfang steht herausfordernd vor meinem Computer. Hey Zukunft! Ich werde versuchen, etwas daraus zu machen. (Jenny Janßen)