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Druckdatum: 11. Dezember 2017 - 06:46 Uhr
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28.11.2017

Religion findet Stadt - Der Beitrag der Religion für die Zivilgesellschaft

Die Wolfsburg, der Arbeitskreis interreligiöser Dialog des Bistums Essen und die Georges-Anawati-Stiftung haben Akteure aus Wissenschaft, Stadtentwicklung, Kommunalpolitik sowie aus Schulen und verschiedenen religiösen Gemeinden zu einem anregenden Austausch über Kirchen, Religionsgemeinschaften und religiöse Gemeinden als zivilgesellschaftliche Akteure auf kommunaler Ebene eingeladen.

Den Auftakt zur Tagung machte Prof. Volker Ladenthin, der ganz grundlegend über die unausweichliche und wünschenswerte Verbindung von Religion und Gesellschaft reflektierte.

Religion sei aus der Gesellschaft nicht wegzudenken, so die Kernthese, denn jeder wirke mit seinen Glaubensüberzeugungen, seien sie religiös oder nicht-religiös, in die Gesellschaft hinein. Gleichzeitig wurde die Verbindung als eine historisch gewachsene beschrieben, die bis in die feinen Verästelungen der Sprache fortbestehe. Entsprechend dem Böckenförde-Theorem verwies Ladenthin auf die metaphysischen Grundvoraussetzungen des Staates, nämlich dass Bürger sittlich und gemeinwohlorientiert handeln. Ob der Beitrag für die Zivilgesellschaft auf religiösen oder humanistischen Wertgrundlagen beruht, ist letztlich im jeweiligen individuellen Bildungsprozess angelegt. Damit wurde die Grundlage für die Kooperation verschiedenster religiöser und nicht-religiöser Akteure noch einmal aus wissenschaftstheoretischer Perspektive unterstrichen.

Nach dem Fachvortrag diskutierten Vertreterinnen aus der Praxis, u.a. aus Kommunalen Integrationszentren, Jugendämtern, Schulen, sozialpastoralen Zentren und religiösen Gemeinden umliegender Städte im open space. Moderiert von Dr. Judith Wolf, stellv. Direktorion der Wolfsburg und Holger Nollmann, wiss. Beirat der Georges-Anawati-Stiftung, ging es um die Fragen der Bedeutung von Religion in der alltäglichen Arbeit vor Ort.

Das besondere Diskussionsformat gab den innen sitzenden Praxisvertreter zunächst die Möglichkeit, sich mit konkreten Arbeitskontexten zu beschäftigen, in denen Religion eine Rolle spielt, und sich darüber auszutauschen, wo Herausforderungen, aber auch Chancen in der Thematisierung von Religion in den jeweiligen Einrichtungen liegen.

Die spannenden Erfahrungsberichte luden zugleich Teilnehmende aus dem „äußeren“ Kreis ein, mitzudiskutieren. Besonders aufschlussreich für den RePliR-Kontext waren die in der Diskussion immer wieder betonte Bedeutsamkeit von Religion auch im Angesicht des Neutralitätsgebotes vieler Einrichtungen sowie die von einzelnen Vertreter religiöser Gemeinden formulierten besonderen Herausforderungen im Arbeitsalltag (z.B. Diskriminierungserfahrungen der jüdischen Gemeinde, personelle Ressourcenknappheit in der muslimischen Gemeinde).

Im Anschluss an das Mittagessen stellte Tobias Meier vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) der katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin einen dem Plenum bisher überwiegend unbekannten Ansatz vor. Er gewährte den Tagungsteilnehmenden Einblicke in das Konzept von Community Organizing sowie in konkrete Praxisbeispiele. Konzeptuell auf US-amerikanische Ansätzen der Gemeinwesenarbeit aus den späten 1930er Jahren rekurrierend zielt der Ansatz darauf, Bedürfnisse von BewohnerInnen eines Stadtteils oder Quartiers zu identifizieren, Lösungsansätze zu recherchieren und unter breiter Bürgerbeteiligung und Einbeziehung politischer Entscheidungsträger zu realisieren. Die grundlegende Idee ist jene, das zivilgesellschaftliche Gestaltungspotential von Bürgern und Bürgerinnen zu bündeln und Realisierungsmöglichkeiten zu schaffen. Die von Meier begleitete Bürgerplattform „Stark! Im Kölner Norden“, die sich 2015 unter Beteiligung von Vereinen, kleineren Bürgerinitiativen und Kirchengemeinden konstituiert hatte, stand im Mittelpunkt seiner Präsentation. Unter den teilnehmenden Akteuren finden sich u.a. die evangelischen Kirchengemeinden Ehrenfeld und Bickendorf, die katholische Gemeinde BiOs (Bickendorf-Ossendorf), DITIB Chorweiler, der alevitische Kulturverein sowie das Kolpingwerk. Auf Skepsis stieß bei den Zuhörenden unter anderem die Spendenfinanzierung durch Großunternehmen wie Remondis und eine daraus resultierende Anfälligkeit für Einflussnahmen aus der Wirtschaft, sowie etwaige Konkurrenzverhältnisse mit herkömmlichen Formen lokalpolitischen Engagements. Befürwortende Stimmen aus dem Publikum betonten einerseits die bereits gemachten positiven Erfahrungen mit diesem oder ähnlichen Ansätzen sowie die festgestellte Diskrepanz zwischen dem aus Kapazitätsgründen begrenzten ehrenamtlichen politischen Engagement einerseits und den tatsächlichen Bedürfnissen der Bürgerinnen andererseits, der das Community Organizing Abhilfe verschaffen könnte.

Die Abschluss der Veranstaltung machte die Koordinatorin des Fortschrittkollegs, Frau Dr. Sarah Jahn, zu konkreten Perspektiven für Nordrhein-Westfalen begann. Am empirischen Bestand wurde deutlich gemacht, dass die religiöse Diversität sich vor allem im Ruhrgebiet und Rheinland in den Großstädten „ballt“, während umliegende Kreise durchaus durch die römisch-katholische Kirche oder in einigen Kreisen auch durch die evangelischen Landeskirchen dominiert werden. Zu den Voraussetzungen und Herausforderungen für Religionen in der Stadt stellte Sarah Jahn Ergebnisse ihres Forschungsprojektes in der Kommunalverwaltung der Stadt Bochum vor. Hierzu befragte sie Kommunalmitarbeitende zu der Rolle von Religion. Interessanterweise variierte das Spektrum der Ansichten dazu erheblich. Während es einerseits die Überzeugung gab, dass die Religionsausübung als Privatangelegenheit das rechtsstaatliche Handeln in keinster Weise berühren sollte, wurde andererseits die hohe Bedeutung von Religion betont und gleichzeitig bemängelt, dass trotz der tagtäglichen Präsenz verschiedener Kulturen und Religionen im Arbeitsalltag es unter den Mitarbeitenden kaum Wissen dazu gäbe.

Insgesamt wurde das Zusammenspiel von Religion und Zivilgesellschaft deutlich. Kirchen und Moscheevereine oder –verbände sind wichtige Player der Zivilgesellschaft, spielen aber auch nur dann wirklich für die Gestaltung des Sozialraums eine wichtige Rolle, wenn sich einbringen in größere gesellschaftliche Initiativen. Hier können sich ihre Rolle allerdings noch deutlicher wahrnehemen. (Wo/CERES)