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28.09.2017

Was ist die Gülen-Bewegung?

Der Sprecher der Bewegung in Deutschland diskutierte in der Wolfsburg über die Ziele seiner Organisation.

Seit mehr als 20 Jahren ist die vom islamischen Prediger Fethullah Gülen gegründete Gülen-Bewegung in Deutschland aktiv. In den Fokus geriet die Organisation, die sich selbst Hizmet (Dienst) nennt, jedoch erst nach dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Jahr. In einer kontroversen Diskussion mit der stellvertretenden Akademiedirektorin der Wolfsburg, Dr. Judith Wolf, dem Leiter des Arbeitskreises Interreligiöser Dialog im Bistum Essen, Dr. Detlef Schneider-Stengel und dem evangelischen Theologen und Islam-Experten Dr. Friedmann Eißler, erläuterte Ercan Karakoyun, Sprecher der Bewegung in Deutschland und Autor des Buches „Die Gülen-Bewegung: Was sie ist, was sie will“, die Hintergründe und Ziele der Organisation.

Die Hizmet-Bewegung, so Karakoyun, stehe für Bildung und Dialog. Mit 30 staatlich anerkannten Privatschulen, 140 Nachhilfeeinrichtungen und 14 Dialoginstitutionen sei die Organisation in Deutschland aktiv. Zielgruppen seien dabei auf der einen Seite alle Menschen, weil es um universelle Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Vielfalt und Toleranz gehe. Auf der anderen Seite spräche die Organisation aber auch gezielt Muslime an und vermittele ihnen einen modernen Islam.

Eißler, der als kritischer Experte für die Gülen-Bewegung gilt, lobte das zivilgesellschaftliche Engagement von Hizmet, widersprach jedoch der Auffassung von Gülen als Reformator des Islam. Bei den Botschaften des Predigers handle es sich lediglich um eine moderne Auslegung des Islam, bei der jedoch die Grundsätze der Religion weiterhin unumstößlich gelten. Zudem kritisierte er die fehlende Transparenz der Organisation. Viele Begriffe, mit denen Hizmet wirbt, würden intern anders gedacht als sie öffentlich dargestellt werden. Eißler verwies dabei unter anderem auf das Frauenbild. Gülen sage zwar, eine Frau könne die gleichen Aufgaben wie ein Mann übernehmen und ihre Rechte dürften nicht eingeschränkt werden. Nicht erwähnt werde dabei aber, dass im konservativen Islam, den Gülen vertritt, die Rechte der Frau im Vergleich zu denen des Mannes bereits eingeschränkt sind. Diese Doppeldeutigkeit müsse kritisch hinterfragt werden. Zudem kritisierte Eißler, dass die Arbeit der Bewegung teilweise im Verborgenen stattfinde. Nicht nur fehlende Kommunikation, sondern gezielte Geheimhaltung, sei ein Prinzip der Bewegung.

Der Kritik begegnete Karakoyun mit dem Hinweis auf die komplexe und schwierige Situation, in der sich Hizmet seiner Ansicht nach befindet. Auch in Deutschland erfahren Mitglieder der Organisation Repressionen, werden verfolgt, bedroht und ausgegrenzt. Zwar gäbe es eine Transparenz-Offensive, durch die Angst vor Repressalien, wie sie die Organisation in der Türkei erfährt, würden Mitglieder und Unterstützer sich jedoch häufig nicht zu Hizmet bekennen, was die Bemühung um mehr Transparenz erschwere. Dieses Argument wollte Eißler nicht gelten lassen: Nach mehr als 20 Jahren guter Arbeit in Deutschland könne dies nicht mehr als Vorwand angeführt werden.

Thematisiert wurde auch die Verbindung der Gülen-Bewegung zum Erdoğan-Regime. Eißler kritisierte, die Bewegung würde jegliche Verbindung leugnen. Richtig sei, dass es eine große Schnittmenge gibt: Die Bewegung in der Türkei sei zunächst mit staatlicher Hilfe aufgebaut worden. Karakoyun erläuterte, um die Verbindung zu verstehen, müsse man in die Geschichte blicken. So habe Erdoğan in seiner Anfangszeit – auch mit der Unterstützung westlicher Staaten – gute Reformen durchgesetzt. Nach der Kehrtwende in seiner Politik hätten viele Hizmet-Anhänger, die bis dahin auch in großer Anzahl in verantwortlicher Position waren, die Unterstützung verweigert, was letztlich zur Verfolgung der  Organisation geführt habe.

Einigkeit herrschte bei den Diskussionsteilnehmern darüber, dass es wichtig sei, miteinander im Gespräch zu bleiben, auch um mehr Transparenz zu schaffen. Dafür, so Karakoyun, sei es entscheidend, nicht über Menschen, sondern mit ihnen zu reden. Die Bereitschaft zu einem kritisch-konstruktiven Dialog, so resümierte die stellvertretende Akademiedirektorin Dr. Judith Wolf, sei dafür auf beiden Seiten vorhanden.(lk)