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18.10.2017

„Wichtig sind doch unsere christlichen Wurzeln!“

Im Gladbecker Martin-Luther-Forum Ruhr diskutierten RVR-Regionaldirektorin Geiß-Netthövel, Weihbischof Wilhelm Zimmermann, der rheinische Präses Manfred Rekowski und „Wolfsburg“-Direktor Michael Schlagheck über die Ökumene im Ruhrgebiet.

Für die Chefin des Regionalverbands Ruhr (RVR), Carola Geiß-Netthövel, sind die Kirchen bei der Bewältigung der großen Ruhrgebiets-Probleme so wichtige Partner, dass es ihr dabei nicht ökumenisch genug zugehen kann. „Wichtig sind doch unsere christlichen Wurzeln!“, sagte die als Protestantin in einem katholischen Dorf aufgewachsene Regionaldirektorin am Freitagabend beim letzten großen ökumenischen Gesprächsabend zum Reformationsgedenken im Gladbecker „Martin-Luther Forum Ruhr“. Ihr sei es „egal, ob evangelisch oder katholisch – wir müssen doch sehen, dass die Themen, die in dieser Region anstehen, gemeinsam angegangen werden“, forderte sie und nannte beispielhaft Langzeit-Arbeitslosigkeit, Hilfe für benachteiligte Kinder sowie den Klimawandel und Fragen der Mobilität. Sie lobte das ökumenische Engagement gerade in der Flüchtlingshilfe, beklagte aber auch die unterschiedlichen regionalen Strukturen zwischen Bistümern und Landeskirchen und äußerte großes Gefallen an Lösungen wie die mit Michael Schlagheck: Der Direktor der katholischen Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ ist beim RVR gleich Vertreter für beide großen Kirchen.

Mit dem Reformationstag am 31. Oktober endet das Jahr des großen Reformationsgedenkens. So standen für das Podium in Gladbeck mit Geiß-Netthövel und Schlagheck sowie dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, und dem für die Ökumene im Ruhrbistum zuständigen Weihbischof Wilhelm Zimmermann insbesondere Bilanz und Ausblick des besonderen Gedenkjahres auf der Agenda. Möglichst konkret sollte es dabei werden: „Das Ruhrgebiet als ökumenischer Ernstfall“, hieß es im Titel der Veranstaltung. Damit hatten die Kirchen-Vertreter Rekowski und Zimmermann zunächst wenig Schwierigkeiten: Sie berichteten von langjährigen erfolgreichen Ökumene-Projekten wie Telefonseelsorge und Bahnhofsmission sowie aktuellen Themen wie dem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht, der im kommenden Jahr in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens startet. Mehrfach verwiesen sie zudem auf den Anfang des Jahres gemeinsam verabschiedeten Aufruf „Ökumenisch Kirche sein“, der die Gemeinden vor Ort unter anderem dazu ermuntert, auch Gebäude gemeinsam zu nutzen. „Wir sind längst in einer ökumenischen Haftungsgemeinschaft“, beschrieb Rekowski die Sicht der Gesellschaft auf die Kirchen, die kaum mehr einen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten mache. Es seien sogar schon Menschen wegen der positiven Wirkung von Papst Franziskus in die evangelische Kirche eingetreten, so der Präses.

Manchen der von WDR-Moderator Uwe Schulz befragten Zuhörer war die Bestandsaufnahme des Podiums erklärtermaßen „zu weichgespült“, zu unkritisch. So kamen im Anschluss auch die Probleme auf die Agenda, mit denen die beiden Kirchen – gewissermaßen ganz im Sinne der „ökumenischen Haftungsgemeinschaft“ – indes ebenfalls beide konfrontiert sind: Egal, ob es um den „Traditionsabbruch“ bei der Glaubensweitergabe in der Familie geht, das tendenziell geringe Interesse an christlichen Themen bei jüngeren Leuten oder die Schwierigkeit, den Glauben überhaupt zum Thema zu machen. „Viele Menschen sprechen über ihren Glauben weniger offen als über ihre Sexualität“, so die Analyse Rekowskis. Für die Kirchen sei dies „eine Riesen-Herausforderung, ich habe da noch keine Antwort drauf“, sagte der Präses. Und Weihbischof Zimmermann bekräftigte: „Wir müssen als Kirche immer wieder neue Ideen entwickeln, um die Menschen zu erreichen.“

Dies dürfte auch für das unterschiedliche Abendmahlsverständnis gelten, das an diesem Abend unter anderem von einer 15-jährigen Protestantin in die Diskussion eingebracht wurde, die als Mitglied eines katholischen Pfadfinderstammes beim Kommunionempfang in der Ferienlager-Messe außen vor bleibt. Schlagheck kritisierte diese rigide Haltung. Und Zimmermann äußerte die Hoffnung, dass die Theologen die Streitfragen irgendwann tatsächlich klären zwischen den Katholiken, die im gewandelten Brot und Wein tatsächlich Leib und Blut Christi sehen, und anderen christlichen Konfessionen, die das Abendmahl eher als symbolische Handlung betrachten. Mehrfach wurde auf dem Podium auf das Zitat von Bischof Franz-Josef Overbeck verwiesen, nachdem „die Kommunionbank kein Richtstuhl“ sei – und auch Weihbischof Zimmermann betonte, das Kirchenrecht verbiete eine genaue Prüfung derer, die die Kommunion empfangen wollten.

Anstatt nur auf nationale oder gar weltkirchliche Lösungen in den ökumenischen Streitfragen zu hoffen, appellierte Akademie-Direktor Schlagheck an die Verantwortung jedes einzelnen Christen. Jeder könne in seiner Gemeinde etwas für die Ökumene tun. Mit dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer rief er dazu auf „am gegebenen Ort das Notwendige zu tun. Lassen Sie uns diese Verantwortung wahrnehmen, wo wir können!“, sagte der „Wolfsburg“-Chef.

Text: Thomas Rünker / Bistum Essen
Fotos: Nicole Cronauge / Bistum Essen

Fotos: Nicole Cronauge / Bistum Essen