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Druckdatum: 21. November 2017 - 05:25 Uhr
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20.10.2017

Wir brauchen Vorbilder

Die Wolfsburg diskutierte im St. Josef-Hospital Bochum über Helden und Heilige.

Nehmen Meldungen von Heldentaten in den Medien zu? Mehrere aktuelle Meldungen über Menschen, die in Extremsituationen anderen geholfen haben, führte Akademiedozent Dr. Jens Oboth in seiner Einführung als Beispiele für diese Beobachtung an. Bei Terroranschlägen wie etwa in London im März 2017 seien Menschen über sich hinausgewachsen, um anderen zu helfen. Werden solche Vorbilder aktuell besonders gebraucht? Aus dieser Frage heraus entstand in der Kapelle des St. Josef-Hospitals in Bochum eine Diskussion über die Rolle von Vorbildern für unsere Gesellschaft. Die Katholische Akademie Die Wolfsburg in Mülheim hatte zur Diskussion an diesem besonderen Ort eingeladen.

Selahattin-Burak Yilmaz vom Projekt „HeRoes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre – Für Gleichberechtigung“, erklärte das Phänomen der zunehmenden Helden-Meldungen mit der immer größer werdenden Flut schlechter Nachrichten: Positive Meldungen würden herausgehoben und könnten den Menschen Hoffnung geben. Kritisch sah der Bochumer Moraltheologe Prof. Dr. Dietmar Mieth die Entwicklung: „Es muss uns zu denken geben, wenn Handlungen, die eigentlich normal sind – wie anderen in Notsituationen zu helfen – explizit gelobt werden müssen.

Vorbilder geben Orientierung

Die Wichtigkeit von Vorbildern betonte der Psychoanalytiker und Theologe Werner Einig. In jeder neuen Lebenssituation benötige der Mensch neue Orientierung. Da sei es gut, wenn er sich auch an äußeren Vorbildern orientieren könne. Vor allem auch in der kindlichen Entwicklung sei das normal. Jeder wolle stark, mutig und klug sein, und so sei es verständlich, dass Kinder Menschen, die diese Eigenschaften verkörpern, nacheifern.

Dass solche Vorbilder nicht unerreichbar weit entfernt sein müssten, betonte Barbara Bludau, die im St. Josef-Hospital als Fachkrankenschwester für Palliativpflege arbeitet. Sie führte ihre Mutter als Beispiel vorbildlichen Verhaltens an: Trotz furchtbarer Kindheit habe diese nie aufgehört, an das Gute im Menschen zu glauben und den Menschen freundlich und zugewandt zu begegnen. Diese beeindruckende Haltung habe sie sehr geprägt, so Bludau.

Stereotype aufbrechen

In einem Umfeld, in dem das Konzept der Familienehre eine bedeutende Rolle spiele, sei es notwendig, Stereotype über Vorbilder aufzubrechen, so Yilmaz mit Blick auf das von ihm betreute Projekt. Oft würden Männer, die im Namen dieser Familienehre gewalttätig werden, als Ehrenmänner und Vorbilder gefeiert. „Wir wollen sagen: An Gewalt ist nichts ehrenvoll!“.

Dass auch die Kirche über die Art und Weise, wie sie über Helden und Heilige spricht, überdenken müsse, mahnte Mieth an: „Man muss neu bedenken, was Heilige ausmacht: Sie stehen auch in Stresssituationen zu ihren Überzeugungen.“ Viele Geschichten über Heldenhaftigkeit müssten heute neu erzählt werden, um die Heiligen menschlicher zu machen und die Vorbildrolle, die sie einnehmen, gesellschaftlich anschlussfähig zu machen. Gleichzeitig riet er dazu, die aktuelle Heiligsprechungspraxis zu beenden. Statt einer Überhöhung solle man besser den Menschen in den Vordergrund stellen und feststellen, dass bestimmte Personen aufgrund ihrer Vorbildlichkeit zu Recht verehrt werden.

Welche Eigenschaften brauchen Vorbilder heute?

Grundlage einer solchen Vorbildlichkeit seien etwa die unbedingte Bereitschaft, versöhnend miteinander umzugehen und wertschätzend das Gespräch zu suchen, betonte Bludau. Yilmaz ergänzte Zivilcourage und den Mut zum kritischen Denken als entscheidende Merkmale. Und Einig merkte an: „Wichtig ist dabei vor allem die persönliche Begegnung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, anstatt allgemeine Konzepte zu entwickeln.“

Entscheidend sei es, so Mieth, solche Werte nicht nur zu verkünden, sondern auch selbst zu leben. Ohne eine entsprechende eigene Haltung sei es nicht möglich, zum Vorbild zu werden. Die Entwicklung einer solchen Haltung, beruhe auf einer ganzen Reihe von Handlungen. Damit steht für Mieth fest: Eine vorbildliche Haltung kann durch konsequentes Handeln erlernt werden. Damit kann jeder zum Vorbild werden. (lk)

Fotos: Ludger Klingeberg / Die Wolfsburg