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Druckdatum: 20. November 2019 - 04:33 Uhr
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15.10.2019

Beim Kampf gegen Missbrauch das Umfeld im Blick behalten

„Die Täter-Opfer-Sicht“ greift zu kurz, wenn die Kirche dem Missbrauchsskandal auf den Grund gehen möchte, sagte der Düsseldorfer Pastoralpsychologe Wolfgang Reuter am Dienstagabend im Gespräch mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer in der Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“.

Wenn die katholische Kirche den Missbrauchsskandal überwinden will, genügt es nicht, nur auf Täter und Opfer zu schauen, sagt der Düsseldorfer Pastoralpsychologe Wolfgang Reuter. „Dann muss man auch einen systemischen Blick auf das Milieu richten, das diesen Missbrauch möglich gemacht hat“, betonte der Priester und Psychoanalytiker am Dienstagabend in der Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Ein Jahr nach der Vorstellung der von der deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie (MHG-Studie) diskutierte Reuter mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer über das Umfeld, in dem sexuelle Gewalt in der Kirche stattgefunden hat – und bis heute stattfindet.

Machtmissbrauch in „traumatisierenden Milieus“

Reuter sprach von „traumatisierenden Milieus“, die solche Taten begünstigten. Diese Milieus seien oft von Machtmissbrauch gekennzeichnet – „und von einer großen Toleranz des Umfelds für diesen Machtmissbrauch“. Dabei gehe es um das Nicht-Einhalten „des dynamischen Verhältnisses von Nähe und Distanz“, um das Nicht-Zulassen von Eigenheiten und Andersartigkeiten und schließlich darum, die Tat, „das eigentliche Trauma zu leugnen“. Auch der mangelnde Schutz, den Missbrauchs-Opfer von ihrem Umfeld erfahren – zum Beispiel, wenn ihnen nicht geglaubt wird – ist für Reuter ein Punkt, weshalb „die Täter-Opfer-Sicht zu kurz greift“, wenn die Kirche „den Missbrauchsstrudel überwinden will“, wie der Abend in der „Wolfsburg“ überschrieben war. Reuter warnte vor unzureichenden Präventionsbemühungen, wenn nicht auch das Umfeld möglicher sexueller Übergriffe und Gewalttaten im Blick sei.

Dabei würden sich traumatisierende Milieus nicht grundsätzlich unterscheiden, „egal ob es um Missbrauchsfälle in der Kirche, im Sportverein oder in der Familie geht“, so der Pastoralpsychologe. Allerdings sei der Anspruch an den Umgang miteinander in der Kirche ein anderer – und Missbrauchsfälle würden als besonders starker Widerspruch dagegen wahrgenommen.

 Keine „einfachen Antworten“ im Kampf gegen sexuelle Gewalt

 Hinweise auf die besonderen Eigenheiten eines katholischen Umfelds hatte bereits die MHG-Studie aufgezeigt und unter anderem auf die herausgehobene Position von Priestern, die katholische Sexualmoral, das Verhältnis von Männern und Frauen und das teilweise drastische Machtgefälle in der Kirche verwiesen. Deshalb sei es „mit einfachen Antworten“ im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch auch nicht getan, betonten Reuter und Pfeffer. Der Generalvikar verwies auf eine neue Studie im Ruhrbistum als eine von zahlreichen Konsequenzen, die das Bistum in den vergangenen Monaten als Konsequenz aus der MHG-Studie gezogen habe. Diese Untersuchung soll den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit des Ruhrbistums aufarbeiten. Dabei gehe es nicht darum, „einfach alle Schuldigen aufzulisten und an einen Pranger zu stellen“, warnte Pfeffer vor „oberflächlichen Erwartungen“. Ziel sei „zu verstehen“, wie auf der Ebene des Bistums, aber eben auch der Gemeinden mit Missbrauchsfällen umgegangen wurde. „Dabei wollen wir die gesamte Komplexität in den Blick nehmen.“

 „Nur die Spitze eines Eisbergs von unglaublichem Leid“

 Für Pfeffer sind „die Fälle von sexuellem Missbrauch nur die Spitze eines Eisbergs von unglaublichem Leid in der Kirche“. Auch jenseits sexueller Gewalt gebe es in der Kirche Leid, das durch den Missbrauch von Macht entstehe. Beispielhaft verwies er auf das katholische Arbeitsrecht: „Bis vor wenigen Jahren mussten Mitarbeiter katholischer Einrichtungen um ihren Arbeitsplatz fürchten, wenn sie sich in ihrem privaten Umfeld nicht nach den Regeln der Kirche verhalten haben.“

 

Angesichts der großen Komplexität sei der einzige Ausweg für die Kirche, „dass nun alles auf den Tisch kommt und über alles geredet wird“, waren sich der Generalvikar und der Pastoralpsychologe einig – aus kirchenpolitischen Gründen, wie Pfeffer betonte, aber auch aus psychotherapeutischen, so Reuter. Er verwies auf Sigmund Freuds „talking cure“ („Sprech-Kur“) als psychotherapeutische Heil-Methode und Ausweg gegen Angst und Sprachlosigkeit in der Kirche.

 Pfeffer: Keine Alternative zum Synodalen Weg

 Für Pfeffer gibt es keine Alternative zu dem von den deutschen Bischöfen eingeschlagenen „Synodalen Weg“, einem Gesprächsprozess zwischen Bischöfen und Laien, der ab dem 1. Advent die Themen Machtfragen in der Kirche, Sexualmoral, priesterliche Lebensform und die Rolle der Frau in den Blick nehmen wird. Angesichts der jüngsten Diskussionen über „Störfeuer“ aus Rom gegen diesen Prozess sieht Pfeffer „die Kirche in einer sehr dramatischen Situation“ und „in der größten Krise seit der Reformation“. Es gebe einen deutlichen Richtungskampf zwischen denen, die die Kirche verändern möchten, und denen, die jede Veränderung scheuten. Für Pfeffer sind indes schon die jetzt begonnen Gespräche und Diskussionen ein Erfolg – „so etwa wäre vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen“.

Vom Publikum erhielt Pfeffer in der „Wolfsburg“ viel Zuspruch für den Weg des Ruhrbistums, aus dem Missbrauchsskandal sehr grundlegende Konsequenzen zu ziehen. Viele Zuhörer äußerten jedoch auch Ungeduld, dass sich die Kirche so langsam verändere. „Diese Unruhe spüre ich auch“, bekannte Pfeffer. Aber es seien „mühsame Auseinandersetzungen“ mit den verschiedenen Positionen in der Kirche, „das geht nicht ohne Geduld“.

Text: Thomas Rünker, Bistum Essen

Fotos: Alexandra Roth, BistumEssen