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Druckdatum: 26. Oktober 2020 - 16:02 Uhr
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24.09.2020

Beten per Facebook oder Video-Livestream

In der Corona-Pandemie experimentieren viele Gemeinden mit digitalen Gottesdienst-Formaten. Bei einem Studientag in der Mülheimer Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ standen nun theologische und technische Stolperfallen auf der Agenda – und das Plädoyer, munter weiter zu experimentieren.

Gottesdienste im Internet-Livestream, Gebetszeiten als Videokonferenz – die Corona-Krise hat auch dem Glaubensleben der katholischen Kirche einen Digitalisierungsschub gebracht. Bei einem Studientag in der Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim haben am Montag Theologen und Praktiker aus Kirchengemeinden diskutiert, wie das gemeinsame Beten im Netz weiterentwickelt werden kann. 

So vielfältig das Angebot ist, das ehrenamtliche und hauptberufliche Kirchen-Mitarbeiter gerade während der Lockdown-Wochen entwickelt haben, so kritisch waren indes einige Anmerkungen der theologischen Referenten der Tagung. „Die Streamings waren ein Offenbarungseid“, sagte die Erfurter Theologie-Professorin Julia Knop mit Blick auf viele der online übertragenen Video-Messen als Ersatz für die im Frühjahr nicht mehr möglichen Gemeindegottesdienste. Die alleinige Fixierung einer einzigen Kamera auf den Altar, an dem oft ein einziger Priester allein die Messe gefeiert habe, „war im Grunde das, was die Liturgiekonstitution zum absoluten No-Go erklärt hat“ verweist die Dogmatikerin auf das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) herrschende katholische Gottesdienstverständnis. Ein Priester könne kaum für sich allein die Messe feiern und dabei zugleich die nicht anwesende Gemeinde vertreten.  

Unterschiede zwischen Gottesdienst- und „Tatort-Gemeinde“ 

Die gerne zitierte „Tatort-Gemeinde“ der sonntagabends vor deutschen TV-Geräten versammelten Krimi-Fans sei eben keine Gemeinde im theologischen Sinn, hieß es auf dem Studientag. Schließlich nehmen Mitglieder einer Gottesdienst-Gemeinde durch das gemeinsame Gebet, womöglich Gesang bis hin zur Kommunion aktiv am Geschehen teil und können aufeinander reagieren. Wenn dann im Video-Gottesdienst nicht einmal symbolisch Gemeindevertreter eine Rolle spielten, sondern nur Priester zu sehen seien, sei dies wohl auch ein Ausdruck überkommener, von Klerikalismus geprägter Kirchenbilder, so ein Tenor der Tagung. 

Dabei böten digitale Gottesdienste viele neue Möglichkeiten für Formen der Beteiligung, betonte der Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann: „Die Feier im Netz eröffnet viele Spielflächen.“ Nun bestehe die Herausforderung darin, „diesen Aufbruch theologisch und gestalterisch zu nutzen“. Kranemann warb dafür, in großer Freiheit und ohne einen all zu starren Blick auf kirchliche Normen neue Gottesdienstformen zu entwickeln oder die bestehenden weiterzuentwickeln. Dabei könne es nicht darum gehen, Gottesdienste 1:1 aus der analogen Welt ins Digitale zu übertragen. „Man wird für jede einzelne Form von Liturgie schauen müssen was geht, und was nicht.“ Zudem hätten Gottesdienste bei Instagram oder Facebook, WhatsApp oder als Videokonferenz schon aufgrund der unterschiedlichen digitalen Kanäle jeweils ihre eigene Logik, die man bei der Gestaltung beachten müsse, betonte Pfarrer Hanno Rother aus Recklinghausen, der als „Kirchendude“ in digitalen Welten präsent ist.  

Intensive Online-Fürbitten per Chat 

Davon berichteten einzelne Teilnehmer in Workshops des Studientags. Pastoralreferent Alexander Jaklitsch zum Beispiel, der seit dem Corona-Lockdown in der Bochumer Pfarrei St. Franziskus ein Abendgebet in digitaler Form anbietet. „In Hochzeiten haben da rund 60 Leute mitgemacht, das habe ich bei einer analogen Komplet selten erlebt“, so Jaklitsch. „Ein unglaubliches intensives, dichtes Moment“ der digitalen Gebetszeiten gebe es stets bei den über eine Chat-Funktion ausgetauschten Fürbitten. Diese Erfahrung beschreiben auch andere Nutzer digitaler Gottesdienste – gerade im Kontrast zur analogen Erfahrungen, wenn in den meisten Kirchen Fürbitten lediglich verlesen werden.  

Zugleich wurde beim Studientag deutlich, dass die Angebote digitaler Gottesdienste und online übertragener Gemeindemessen aktuell wieder weniger werden. Haupt- und Ehrenamtliche, die im Lockdown Zeit für die Entwicklung neuer Konzepte hatten, sind nun wieder in der regulären Gemeindearbeit eingespannt. Zudem scheint nach der Wiederaufnahme des gottesdienstlichen Lebens vor Ort mancherorts die Nachfrage nach digitalen Gottesdiensten nicht mehr so hoch zu sein. 

Umso mehr rät Liturgiewissenschaftler Kranemann dennoch gerade dazu, neue liturgische Formate zu entwickeln, schließlich habe „die Corona-Pandemie das liturgische Leben kräftig durcheinander gebracht“: Der Besuch der Sonntagsmesse ist für noch weniger Menschen selbstverständlich als vor dem Lockdown und die Qualität von Gottesdiensten werde – analog wie digital – immer wichtiger, weil die Menschen gerade nach der coronabedingten Zwangspause im Zweifel sagten: „Das genügt mir nicht mehr.“ 

Unterstützung durch das Bistum 

Hier setzt das Bistum Essen an und bietet Ehren- und Hauptamtlichen individuelle Unterstützung, gerade bei neuen digitalen Gottesdienst-Ideen. Dazu gehört manchmal auch zunächst das passende technische Equipment, wie das Beispiel der Stadtkirche Oberhausen zeigt: Um künftig Gottesdienst-Übertragungen nicht mehr von dem zufällig greifbaren Equipment von Ehrenamtlichen und deren Know-how abhängig zu machen, schaffen die drei Oberhausener Pfarreien mit finanzieller Unterstützung aus dem Innovationsfonds des Bistums gemeinsam Übertragungstechnik an, die dann alle Gemeinden der Stadt nutzen können. Gerade für Menschen, die nach wie vor nicht in die Kirche kommen können oder wollen, könnten Online-Übertragungen damit weiter eine Perspektive sein. (tr)