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Druckdatum: 29. September 2020 - 08:22 Uhr
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15.09.2020

Demokratie unter Druck – Bildungskonferenz zu Rassismus

Erstmals hat die Wolfsburg mit der Stadt Mülheim und dem Centrum für Bürgerschaftliches Engagement (CBE) in Mülheim eine Bildungskonferenz ausgerichtet. Sie stand unter dem Titel „Demokratie unter Druck! Politische Bildung lebensnah gestalten. Die Veranstaltung legte den Fokus auf den weltweit grassierenden Rassismus. Den Hauptvortrag hielt Rassismusforscher Prof. Dr. Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum.

Über die Förderung demokratischer Haltungen und Projekte im Kampf gegen Rassismus haben in der Wolfsburg Vertreter aus Schulen, der Jugendarbeit, der Polizei, von Migrantenvereinen und der Stadt diskutiert.

Wegen der Schutz- und Hygieneregeln durften lediglich 40 Teilnehmer in die Katholische Akademie am Falkenweg kommen. Etwa 160 Interessierte verfolgten die von Wolfsburg-Dozent Dr. Jens Oboth moderierte Veranstaltung über den von der Stadt eingerichteten Live-Stream.

Mülheims Bürgermeisterin Margarete Wietelmann (SPD) verdeutlichte in ihrer Eröffnungsrede, dass auch in Mülheim Rassismus ein Thema sei. Täglich seien Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer religiösen Zugehörigkeit rassistischen Äußerungen und Handlungen ausgesetzt. Es sei die Aufgabe aller Mülheimer, dafür sensibel zu bleiben und dagegen zu arbeiten.

Rassismusforscher Fereidooni machte deutlich, dass in der Auseinandersetzung mit Rassismus in der Schule oft lediglich der Rechtsradikalismus in den Blick genommen werde. Dadurch werde der Rassismus, der aus der Mitte der Gesellschaft komme, oft nicht thematisiert. Der Umgang mit Rassismus müsse aber Teil „der Professionskompetenz des pädagogischen Personals" sein. Politische Bildung solle deshalb weniger auf die Identifizierung rassistischer Verhaltensweisen anderer abzielen, als vielmehr auf die Auseinandersetzung mit eigenen rassistischen Einstellungen.

Wie man Rassismus in Mülheim begegnen kann, war Thema der anschließenden Gesprächsrunde. Gilberte Driesen vom Mülheimer Migrantenverein Axatin berichtete von eigenen Rassismus-Erfahrungen. In ihren Beratungen von Familien habe sie zudem regelmäßig mit aktuellen Fällen zu tun. Driesen erzählte von einem Kita-Kind, das seine Hautfarbe abwaschen wollte, um nicht mehr schwarz zu sein. Es sei wichtig, die Betroffenen zu stärken und ihnen Selbstvertrauen zu geben.

Die Schulsozialarbeiterin der Mülheimer Gustav-Heinemann-Gesamtschule, Katrin Westerhoff, berichtete von ihrer Arbeit im Bundesprogramm „Schule ohne Rassismus". „Es gibt keine Schule ohne Rassismus. Erst wenn man sich das eingesteht, kann man damit weiterarbeiten", betonte Westerhoff.

Der 19 Jahre alte Schüler Muheez Kokuyi, der vor fünf Jahren mit seiner Familie aus Nigeria nach Deutschland kam und im Jugendbeirat des CBE aktiv ist, stellte heraus: „Es reicht nicht, sich zum Beispiel auf Instagram zu Problemen zu positionieren, man muss rausgehen und aktiv werden."

Politische Bildung muss schon in Kindertageseinrichtungen erfolgen und darf im Erwachsenenalter nicht aufhören – darin war sich das Plenum einig. Eine stärkere Vernetzung schulischer und außerschulischer Einrichtungen wurde ebenso angemahnt, wie die Schaffung von politischen Bildungsangeboten für Erwachsene. Zudem wurde eine professionelle Anlaufstelle für Menschen mit Rassismuserfahrungen gefordert.

Fotos: Volker Flecht