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31.10.2019

Dialog mit dem Bischof: Kritik am Klimakompromiss der Bundesregierung

Bischof Overbeck im Gespräch mit Forschung, Wirtschaft und Klima-Aktivisten über die Protestbewegung „Fridays for Future“ und die Chancen für eine Klimawende

Einmütige Kritik am Klimapaket der Bundesregierung haben Vertreter aus Forschung, Wirtschaft, Kirche und der jungen Klima-Bewegung am Dienstagabend in Essen geübt. „Wirtschafts-, Entwicklungs- und Umweltpolitik müssen zusammengedacht werden“, forderte Bischof Franz-Josef Overbeck in der Essener Kreuzeskirche bei einer Diskussion der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ und der Bank im Bistum Essen zum Gelingen des ökologischen Wandels. Overbeck bescheinigte der Klima-Protestbewegung „Fridays for Future“ und Greta Thunberg den Erfolg, der Umwelt-Botschaft als Antreiber für Wirtschaft und Gesellschaft den „Kick“ zu geben. Weltweit habe der Umweltschutz-Gedanke sich zwar bereits seit Jahrzehnten entwickelt: von der Anti-Atom-Bewegung der 1970er Jahre über die im Amazonasgebiet seit Jahren diskutierten Umweltschäden bis hin zur Ökologie-Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015 – „dann aber kam Greta mit ihrem Schild und der Aufforderung zum Schulstreik“.

Klima-Aktivist Julian Pannen verzichtet auf Fleisch

Akademiedirektorin Judith Wolf als Moderatorin des Abends hatte auch den Studenten Julian Pannen zur Diskussion eingeladen; Pannen ist Mitorganisator der Klimaproteste in Essen und beobachtet, dass die junge Generation sich zunehmend politisiere. Das gelte vor allem für Gymnasiasten, die oft größeren Freiraum hätten, sich mit dem Thema Umwelt zu beschäftigen und es voranzutreiben. Eine Änderung des persönlichen Lebensstils wie etwa den Verzicht auf Fleischkonsum hält Pannen für eine wichtige Möglichkeit des Einzelnen, zum Klimaschutz beizutragen. Allerdings: „Wir haben keine Zeit, darauf zu warten. Wir brauchen schnell mehr technische Lösungen, vor allem erneuerbare Energien.“

Klimaforscher Uwe Schneidewind: Der nächste Hitzesommer kommt

Uwe Schneidewind, Direktor des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie, hätte sich beim Klimapaket „eine anständige CO2-Besteuerung“ gewünscht und die Chance nutzen wollen, das Ökologische mit dem Sozialen zu verbinden: „Der Klimakompromiss ist zu kurz gegriffen, und der nächste Hitzesommer kommt auf jeden Fall“, so Schneidewind. Der Klimaschutz sei im Kern ein Solidaritätsprojekt, für das die Gesellschaft ihren „moralischen Kompass“ suchen müsse: „Dafür muss man soziale Unterschiede überwinden – da kommt auch der Kirche eine entscheidende Rolle zu.“

Energie-Experte Guntram Pehlke: Photovoltaik ist nicht gerecht

In Dortmund werden flächendeckend Solarzellen auf Messehallen-Dächern installiert. Trotzdem findet Guntram Pehlke, Vorsitzender der Stadtwerke Dortmund, Photovoltaik sei ein Thema für Privilegierte: „Wer sich für Photovoltaik entscheidet, muss erstmal ein Haus besitzen.“ Zudem sei es nicht sozial gerecht, dass die einen sich eine Solaranlage aufs Dach setzten und sich diese dann von den Stromkunden bezahlen ließen.

Bischof Franz-Josef Overbeck: Subsidiarität statt Regulierungswut

Wenn die Klimafrage so eng mit Gerechtigkeit einhergehe, sei es dann nicht sinnvoller, Verbote zum Ressourcenverbrauch „von oben“ zu setzen, fragten Zuhörer des Abends. Bischof Overbeck ist strikt dagegen: „In vielen Gesellschaften ist zu sehen, was folgt, wenn die Freiheit durch die Macht der anderen missbraucht wird.“ Das sozialethische Botschaft des Bischofs: Gesellschaften sollen sich durch Recht und soziale Marktwirtschaft selbst steuern, Regulierungswut durch Subsidiarität austauschen: „Dafür brauchen wir Demokratie.“ Pehlke entgegnete: „Flugreisen teurer zu machen, beschneidet nicht die Freiheit.“ Und Pannen schlug vor: „Bahnfahrten billiger machen, dann sind sie auch mit kleinem Portemonnaie bezahlbar.“

29. November: Nächster weltweiter Klima-Aktionstag

Ob die Klimawende gelingen kann? Die Stimmen aus dem Publikum waren eher skeptisch, die Podiumsgäste jedoch wollen nicht aufgeben. Overbeck: „Ich bin ein Mann der Hoffnung.“ Pannen: „Je früher wir anfangen, desto wahrscheinlicher ist es.“ Pehlke: „Wir fahren die Energiewende vor die Wand. Und trotzdem stehe ich jeden Morgen auf und tue, was möglich ist.“ Schneidewind hatte den nächsten Vorschlag bei der Hand: „Am 29. November zum nächsten weltweiten Aktionstag der ‚Fridays for Future‘-Bewegung auf die Straße gehen, um der Bundesregierung zu zeigen, wofür wir stehen.“

Text: Cordula Spangenberg, Bistum Essen

Foto: Alexandra Roth, Bistum Essen