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23.01.2020

"Ihr seid meine Zweitzeugen" - Holocaust-Überlebende spricht in der Wolfsburg

Vor rund 300 Schülern berichtet Eva Weyl in der WOLFSBURG von ihrer Zeit im Lager Westerbork. Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Jahr jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 75. Mal.

Eva Weyl kämpft gegen das Vergessen. Die 84-Jährige hat den Holocaust im Durchgangslager Westerbork in den Niederlanden überlebt. In der Wolfsburg sprach Weyl am Mittwochabend vor rund 300 Schülern über die Judenverfolgung und schilderte, wie sie nur knapp der Deportation in ein Vernichtungslager entkam. Weyl, Kind deutscher Juden, war drei Jahre lang mit ihren Eltern in Westerbork inhaftiert. Sie habe trotz allem gute Erinnerungen an diese Zeit. In Westerbork habe es ein Theater, das größte Krankenhaus der Umgebung, eine Schule und Arbeit gegeben. Den jüdischen Gefangenen sei dadurch eine Scheinwelt vorgegaukelt worden, um bei ihnen kein Misstrauen zu wecken.

Weyl hat vor einigen Jahren Freundschaft geschlossen – mit Anke Winter, der Enkelin des damaligen Lagerkommandanten von Westerbork. Albert Konrad Gemmeker war verantwortlich für die Deportation von etwa 80 000 Juden in die Todeslager. Dass Winter und Weyl zueinanderfanden, war Zufall. Winters Sohn besuchte vor einigen Jahren mit seiner Schulklasse Westerbork. Dort erzählte er von seinem Urgroßvater, dem Lagerkommandanten Gemmeker. Schon bald telefonierten Weyl und Winter miteinander und trafen sich.

Beide schilderten in der Wolfsburg vor einem gebannt lauschenden Publikum, wie Westerbork ihre Biografien prägte. Es laste ein „Fluch auf der Familie“, habe ihre Mutter immer gesagt, erzählte Winter und meinte damit das Beschweigen der Taten des Großvaters. Dieser habe alle Beweisdokumente vernichtet und bis zu seinem Tod behauptet, nicht vom wahren Ziel der Züge - nämlich die Vernichtungslager - gewusst zu haben. Die Begegnung mit Weyl und die offensive Konfrontation mit ihrer belasteten Familiengeschichte habe für sie schließlich einen Heilungsprozess in Gang gesetzt.

„Ihr seid nicht verantwortlich für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft“, appellierte Weyl an die Schüler. Was damals passiert sei, dürfe sich niemals wiederholen. Dafür kämpft Weyl unermüdlich. Inzwischen oft gemeinsam mit Winter engagiert sie sich für Mitmenschlichkeit und Toleranz. An Schulen schildert sie ihre Erinnerungen aus der Zeit in Westerbork und warnt vor Rassismus, Antisemitismus und Hass. 

Text: Maria Kindler | DIE WOLFSBURG

Foto: Dr. Jens Oboth | DIE WOLFSBURG