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Druckdatum: 22. Juni 2018 - 11:04 Uhr
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21.02.2018

Gurlitt und die Taskforce

Warum hieß die Wissenschaftlergruppe, die die Herkünfte der Werke aus dem „Kunstfund Gurlitt“ untersuchen sollte, eigentlich „Taskforce“, wollten wir von Lukas Bächer wissen, der darin mitgearbeitet hat. „Es sollte Handlungsbereitschaft vermitteln!“ erklärte er uns schlüssig.

Um die dreißig Expertinnen und Experten recherchierten die Provenienz der zahlreichen Gemälde, Skulpturen und Grafiken, die der Zoll ab dem Jahr 2012 beschlagnahmte. Zunächst ging man davon aus, dass das meiste „Raubkunst“ aus der Zeit des Nationalsozialismus sei, doch die Detailarbeit brachte ans Licht, dass das allermeiste weitgehend rechtmäßig erworben wurde, oder aber die Herkunft sich nicht zweifelsfrei klären lässt. Restituiert wurden bislang nur vier Werke, eine fünfte Übergabe steht bevor. Es ist eine Herkulesaufgabe, nicht nur die Herkunft komplett zu klären, sondern darüber hinaus nachzuweisen, dass jüdischen Besitzern damals zu wenig gezahlt wurde und Notlagen ausgenutzt wurden. Nicht nur bei Hildebrand Gurlitt, sondern bei fast allen Kunsthändlern und Galerien aus dieser Zeit heißt es oft: „Die Unterlagen sind leider verbrannt, oder verschollen.“

Nichtsdestotrotz ist aller Aufwand betrieben worden, um die Öffentlichkeit „ins Bild zu setzen“, wie mit diesem Erbe umgegangen wird. Ans Kunstmuseum Bern sind bislang nur unbelastete Werke übergeben worden, sie werden zur Zeit parallel zur Bonner Ausstellung gezeigt. Alles, woran noch geforscht wird, bleibt vorerst in Deutschland. Manches wird sich wohl nie klären lassen. Moralische Fragen im Fall Gurlitt wiegen schwer, immerhin verkaufte Hildebrand Gurlitt für die Nationalsozialisten „Entartete Kunst“ in ganz Europa und baute als Chefeinkäufer den Bestand des geplanten aber nie gebauten „Führermuseums“ mit auf. Andererseits war er selbst von Verfolgung als „Vierteljude“ bedroht, verlor zweimal seine Direktorenposten, weil er sich für den Expressionismus einsetzte. Einige der Kunstverkäufe, die er vermittelte, verhalfen Juden zur Flucht in die USA, aber rechtfertigt das sein gesamtes Verhalten? Diese Fragen werden weiter intensiv diskutiert werden. Die hervorragend gemachte Ausstellung der Bundeskunsthalle brachte die Teilnehmenden der Kunsttagung dafür auf den neuesten Forschungsstand. (Kei)

Bild: Thomas Couture - Portrait einer jungen Frau; Legat Cornelius Gurlitt 2014 / Provenienz in Abklärung (https://bestandsaufnahme-gurlitt.de/portraet-einer-jungen-frau)