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28.03.2019

Islamische Theologie in Deutschland – eine Zwischenbilanz

Wo steht heute in Deutschland die islamische Theologie? Knapp zehn Jahre, nachdem der Wissenschaftsrat die Einrichtung islamischer Studien in Deutschland empfohlen hatte, wagte ein in Kooperation mit dem Arbeitskreis Interreligiöser Dialog im Bistum Essen veranstalteter Studientag eine erste Zwischenbilanz.

Prof. Dr. Thomas Lemmen, Theologe und Referent für Islamfragen im Erzbistum Köln, skizzierte die islamischen Verbände in Deutschland und ihre Funktion in den Beiräten.  Das vom Wissenschaftsrat 2010 vorgeschlagene Beiratsmodell sieht eine Mitwirkung muslimischer Verbände an den islamisch-theologischen Studiengängen in Form islamischer Beiräte vor. Die Erfahrung habe aber gezeigt, dass die muslimischen Verbände den an sie gesetzten Erwartungen in struktureller wie inhaltlicher Sicht nur bedingt entsprechen können. Eine Erweiterung der Beiräte um Expert/innen aus der muslimischen Community würde zu einer Verbesserung des Modells führen.

Dr. Jan Felix Engelhardt, Geschäftsführer der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) in Frankfurt am Main, beleuchtete die (Hinter-)Gründe und Perspektiven islamischer Theologie in Deutschland. Der Anstoß des Wissenschaftsrates resultierte einerseits aus dem Befund, dass es zwischen christlichen und muslimischen Theologen ein erhebliches Wissensgefälle gab und andererseits keine staatlichen Möglichkeiten existierten, Muslime in ihrer eigenen Religion auf diversen gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldern, etwa der Seelsorge, der Wohlfahrtspflege oder im Schulunterricht, zu qualifizieren. Inzwischen sei diesbezüglich manches erreicht, so Engelhardt. An nunmehr elf Standorten seien bereits 35 Professoren mit ihren Wissenschaftlichen Mitarbeitern im Lehrbetrieb tätig. Die Zahl der Studierenden betrage inzwischen rund 2.500. Ein Desiderat stelle allerdings nach wie vor die Imam-Ausbildung dar. Zum einen sei der Beruf u.a. aufgrund der ungenügenden Bezahlung, die keinen Familienunterhalt ermögliche, nur für die wenigsten Studierenden der islamischen Theologie interessant. Zum anderen würde an staatlichen Universitäten kein religiöses Personal ausgebildet. Hier müssten, analog zu den Priester- oder Predigerseminaren, für Imame eigene Studienseminare eingerichtet werden, was den islamischen Verbänden allerdings noch nicht gelungen sei.  

Der islamische Theologe und Religionspädagoge Prof. Dr. Mouhanad Khorchide ging in seinem Vortrag auf zukünftige Herausforderungen und Chancen der islamischen Theologie und ihre Auswirkungen auf die muslimischen Kernländer ein. Dabei verwies er auf die gegenwärtigen sehr kontroversen innerislamischen Richtungskämpfe um einen zeitgemäßen bzw. an die Moderne anschlussfähigen Islam. Insbesondere in den arabischen Ländern sei noch immer ein Theologieverständnis vorherrschend, das mehr auf Verkündigung als auf reflexive Auseinandersetzung und rationale Vergewisserung abziele. Entsprechend restriktiv und bevormundend sei dort der islamische Religionsunterricht ausgerichtet; die Schülerinnen und Schüler seien dort Objekte der Vermittlung statt Subjekte der Aneignung. Um die islamische Theologie in Gegenwart und Zukunft sprachfähig zu machen, sei demgegenüber eine dialogische Pädagogik vonnöten, die bei den Rezipientinnen und Rezipienten auf Selbstbestimmung und Befähigung zur kritischen (Selbst-)Reflexion setzt. Eine moderne islamische Theologie scheut, ebenso wie die christliche Theologie, nicht den Diskurs mit anderen Wissensdisziplinen und Theologien, sondern sucht ihn gezielt. Durch die Implementierung neuzeitlicher philosophischer Erkenntnisse könne die islamische Theologie enorm bereichert und anschlussfähig gemacht werden.

Diese neuen, am Zentrum für islamische Theologie in Münster angewandten theologischen und religionspädagogischen Ansätze würden, so Khorchide, inzwischen auch in den arabischen Ländern positiver wahrgenommen. Nicht zuletzt die katastrophalen Erfahrungen mit dem „Islamischen Staat“, dessen Anschläge und Kriegsverbrechen zehntausende Muslime zum Opfer fielen, hätten zu einem Umdenken geführt und eine größere Offenheit gegenüber einer liberaleren islamischen Theologie bewirkt. Entsprechend sei aus Ägypten die Bitte an das Zentrum für islamische Theologie in Münster herangetragen worden, Imame aus- bzw. fortzubilden. Nicht zuletzt auf diese Weise würde die an deutschen Hochschulen und Universitäten betriebene islamische Theologie in die muslimischen Kernländer zurückwirken. (Ob)

Fotos: Jens Oboth / Die Wolfsburg