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04.09.2019

Kirchenräume erfahren und vermitteln

Anderen Menschen Kirchenräume zu vermitteln, insbesondere Kirchenfernen, ist gar nicht so einfach. Darf die Führung durch eine Kirche einem missionarischen Impuls folgen, oder sollte sie neutral gehalten werden? Wie vermittele ich anderen Menschen das Gespür für Kirchenräume? Was macht diese überhaupt zu heiligen Orten? Wie eröffne ich mir selbst Zugänge zu ihnen? Was passiert mit der Raumwirkung von Kirchengebäuden, wenn sie auf spezielle Zielgruppen zugeschnitten werden, z.B. auf Kinder, wie in der gerade entstandenen Bottroper Kinderkirche „Kikereki“?

Am 15. Juni 2019 fand in der Wolfsburg in Kooperation mit dem Essener Domschatz der Studientag „Lebe Deinen Raum! Kirchenräume erfahren und vermitteln“ statt. Das Seminar richtete sich an alle, die sich für grundsätzliche Fragen der Erfahrung und Vermittlung von Kirchenräumen interessieren. Gerade angesichts vieler bevorstehender Kirchenschließungen und -umnutzungen im Bistum Essen können zukunftsweisende Gestaltungskonzepte neue Zugangswege zu sakralen Räumen erschließen.

Hybridräume der Transzendenz

Im Eröffnungsvortrag gewährte Prof. Dr. Stefan Böntert, Inhaber des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, überraschende Einblicke in den Zusammenhang von Raum und Gottesdienst. Böntert konstatierte hier ein europaweit ausgesprochen hohes und vielgestaltiges Interesse verschiedenster Zielgruppen an Kirchenräumen. Denn nicht nur Gläubige verspürten das inständige Bedürfnis, Gotteshäuser zu besuchen und zu erkunden, sondern auch Kirchen- und Glaubensferne, die sich schlicht für deren kunsthistorische oder städtebauliche Bedeutung interessieren. Für viele Menschen stelle ein Kirchengebäude wiederum einen Ort persönlicher Erinnerungen dar. Kirchenräume seien deshalb Träger von unterschiedlichen Hoffnungen, Sehnsüchten, Botschaften und Lebensentwürfen. Sie hätten immer einen Mehrwert und seien somit hybrid.

Die Sakralität eines Kirchenraums entstehe nach Böntert aus der Gegenwart Gottes, die in ihm gefeiert und –bestenfalls erfahren wird. Sie erwächst aus der Begegnung von Gott und Mensch. Freilich könne Gott jeden Ort zu einem Raum machen, an dem er Menschen berührt – nicht ohne Grund spreche die Bibel von der Allgegenwart Gottes (vgl. etwa Mt 18,20; 1. Kor 3,16f.). Dennoch ermögliche und unterstütze ein sakraler Raum den Blick aus dem Alltag auf das tragende und große Andere des Lebens. Kirchenräume seinen damit quasi Schwellenräume zwischen Himmel und Erde – Resonanzräume des großen Anderen. Genau dies zu vermitteln, müsse, so Böntert, das Ziel einer Kirchenführung sein.

Erleben und Erschließen

Jennifer Reffelmann, Referentin für Liturgie im Bistum Essen, brachte der Studiengruppe die im Jahr 2013 vollkommen neugestaltete Akademiekirche der Wolfsburg näher. Unter dem Aspekt der Kirchenraum- und Museums-Pädagogik sowie der Mystagogie in Bezug auf die Erschließung sakraler Räume, stellte sie verschiedene Methoden einer Kirchenführung vor. So wies sie darauf hin, dass schon der Vorraum einer Kirche durch dessen „Schwellencharakter“ eine erste Gelegenheit für den Kirchenführer böte, eine Gruppe auf den noch zu betretenen Kirchenraum einzustimmen. Durch die Betrachtungs-Aneignungsmethode wurde dies konkret. Reffelmann bat einzelne Teilnehmer, kurze biblische Texte, die in goldener Schrift auf die Eingangstür der Kirche geschrieben stehen, vorzulesen, still zu rezipieren und dann jene Textstellen vorlesen, die sie für besonders stark und aussagekräftig erachteten.

Verstehst du was du siehst? Nein, aber ich könnte,
wenn mich jemand anleitet. (Apg 8,26-40)

In die dritte aufschlussreiche Vortragsrunde ging es mit Rainer Teuber. Dieser berichtete aus seinem reichen und in vielen Jahren gewachsenen Wissensschatz als Gästeführer am Essener Dom und der Domschatzkammer Essen. Er gab wertvolle Tipps, die bei einer Kirchenführung zu beachten sind. So zum Beispiel die zielgruppengerechte Präsentation, die ein sehr sensibles Gespür des Kirchenführers für die jeweilige Gruppe voraussetzt. Vor allem sei für Menschen, denen Architektur, Glaubensinhalte und Ausstattung einer Kirche fremd sind, die Annäherung von außen nach innen wichtig. Durch langsames Herantasten können Schwellen leichter überwunden und die Hinleitung zum Andersort vereinfacht werden. Der Kirchenführer, so das Fazit Teubers, sei deshalb ein wichtiger Botschafter unserer Kirche, der neben aller Fachkenntnis auch Haltung und Sicherheit im Glauben beweisen sollte. Nur so ließe sich gelebter Raum authentisch vermitteln. 

Kikeriki

Kinder KEnnen RIchtig Kirche

Vor fast einem Jahr öffnete Deutschlands erste Kinderkirche „Kikeriki“ ihre Pforten in der Bottroper Gemeinde St. Peter. Entwickelt wurde sie von Petra Eberhardt, Leiterin des Familienzentrums St. Peter in Bottrop-Batenbrock. Sie brachte den Teilnehmenden des Studientages am späten Nachmittag zusammen mit der pädagogischen Fachkraft Maria Noll die innovativsten Einzelheiten des Projektes näher. Die Kirche St. Peter war zur Kinderkirche umgebaut worden, um sie auf die Bedürfnisse der Kinder auszurichten. „Wir möchten, dass die Kinder Gott erleben und mit allen Sinnen begreifen können“, so Eberhardt. Biblische Traditionen sollen auf diese Weise weitergegeben und Gottesdienstformen erlebbar gemacht werden. Abgerundet wurde der Studientag mit einer gemeinsamen Eucharistiefeier in der Akademiekirche. Das Feedback der Teilnehmenden fiel rundweg positiv aus und es wurde der einhellige Wunsch geäußert, dass diese Veranstaltung nur der Auftakt einer Reihe sein möge, die zukünftig weitergeführt wird.

Text: Esther Brandt / Dr. Jens Oboth