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Druckdatum: 30. Oktober 2020 - 08:17 Uhr
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11.03.2020

Meinung schützen, Meinungsvielfalt aushalten

Publizisten diskutierten in der „Wolfsburg“ zur Zukunft des Online-Journalismus. Mit dabei: Talkmaster Jürgen Domian und Korrespondent und Buchautor Joachim Frank.

Bei aller Kritik an Populismus, Häme und Empörungswellen im Netz: Auf die demokratischen Errungenschaften digitaler Medien kann und will heute niemand mehr verzichten. Also gilt es, Meinung zu schützen, Meinungsvielfalt auszuhalten und den Online-Journalismus fit zu machen für den öffentlichen Diskurs. Auf diese Position konnten sich die Publizisten auf dem Podium eines Diskussionsabends der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“, der Gesellschaft katholischer Publizisten und der Stabsabteilung Kommunikation im Bistum Essen zur „Zukunft des Journalismus“ verständigen. Jedoch lagen die Einschätzungen darüber auseinander, wie weit man Falschinformation und Hassparolen hinnehmen müsse, um andererseits den raschen Umschlag von Informationen auf Facebook, Twitter und Instagram für guten Journalismus nutzen zu können.  

Jürgen Domian: Nicht alles lässt sich in 15 Sekunden beantworten 

„Es ist ja auch eine coole Entwicklung, aber manche Fragen kann man einfach nicht in 15 Sekunden beantworten“, sagte der Moderator Jürgen Domian. In seiner nächtlichen WDR-Talkshow hat Domian rund 20.000 sensible Telefonate live geführt. In der Nachbesprechung seiner Sendung lese er allerdings regelmäßig auf Twitter, dass die Menschen aufgrund der Anonymität im Netz allen Anstand verlören „und herausrotzen, was sie im normalen Leben niemals sagen würden“. Hoher Druck laste deshalb auf den Machern sozialer Medien, aber auch auf Politikern. Die Folge: Angst davor, sich klar zu positionieren wie früher streitbare Politiker wie Herbert Wehner, Willy Brandt und Franz-Josef Strauß.  

Daniela Sprung: Wer im Netz dabei ist, muss auch mitspielen 

Anders sieht das die Profi-Bloggerin und Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Sprung: „Wer im Netz dabei ist, muss auch mitspielen.“ Die AfD etwa habe das Spiel verstanden, haue bei Facebook und Twitter ihre Positionen auf den Tisch und gebe dort die Themen vor, während die Medienberater der Alt-Parteien diese Kanäle immer noch vor allem für Verlautbarungen nutzten. Solidaritätswellen gegen AfD-Positionen formierten sich online eher auf basisdemokratischem Weg unter Hashtags wie #wirsindmehr oder #ichbinhier. Alles gehe blitzschnell im Netz: Twitter-Austausch innerhalb von Sekunden; Instagram-Storys, die in 15 bis 60 Sekunden vollständig erzählt seien. Die CDU habe sich dagegen im Mai 2019 für eine Antwort auf die Polit-Kritik des Bloggers Rezo eine Woche Zeit genommen, bevor sie eine erste pdf-Datei online veröffentlichte, kritisierte Sprung.  

Joachim Frank: Den digitalen Wandel nicht ein drittes Mal verschlafen 

Viel Zeit könne man aber nicht mehr verstreichen lassen, sagte der Kölner Journalist, Buchautor und Korrespondent Joachim Frank. Denn der Journalismus könne es sich nicht leisten, den digitalen Wandel „ein drittes Mal zu verschlafen“. Um die Jahrtausendwende hätten die Tageszeitungs-Verleger sich den Kleinanzeigenmarkt von Netzanbietern abjagen lassen. Kurz darauf habe das Web 2.0 die Nutzer daran gewöhnt, sich Informationen gratis zu holen – auch wenn die sogenannten Prosumer, die auf eigene Verantwortung Informationen ins Netz stellten, nicht immer seriös seien. Allerdings, so Frank, habe sich trotz dramatischer Einbrüche der Print-Abos die Reichweite seriöser Medien online beträchtlich vergrößert: „Die Leute lesen. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass sie bereit sind, für Qualität und Analyse zu zahlen.“  

Marlis Prinzing: Rundfunkgebühren sind Solidarabgäbe für gute Information 

„Demokratie kann ohne Journalismus nicht funktionieren“, ist Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing von der Kölner Hochschule Macromedia überzeugt. Die Rundfunkgebühren seien eine „Solidarabgabe“, die die Bürger für den Zugang zu reeller Information entrichteten, auf deren Grundlage sie zum Beispiel ihre Wahlentscheidung fällen könnten. Prinzing erkennt viele digitale Möglichkeiten, die den Journalismus heute besser als zu Print-Zeiten machen: Die große Fachkundigkeit des Publikums, multimediales Geschichtenerzählen, animierte Graphiken und die Arbeitsleistung großer Recherche-Bündnisse gehörten dazu.  

Andreas Püttmann: Sinkendes Niveau bei steigendem Selbstbewusstsein 

Kritisch beobachtet dagegen der Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann die „Verrohung und Entprofessionalisierung“ der öffentlichen Meinungsbildung: „Bei vielen Menschen führt Social Media zu sinkendem Niveau bei steigendem Selbstbewusstsein.“ Angesichts dessen sei es kein Zufall, dass überall auf der Welt Populisten an die Macht kämen.  

Vom Rechtsstaat erwartet Püttmann, der selbst bereits Morddrohungen per Email erhielt, mehr Schutz. Der Datenschutz mache den Rechtsstaat derzeit zahnlos, stattdessen müsse man über Vorratsdatenspeicherung nachdenken und über mehr Personal, um Rechtsbrüche im Netz verfolgen zu können. Kanäle wie Facebook und Twitter dürften keine anonymen Anmeldungen akzeptieren, auch wenn ein öffentliches Profil weiterhin anonym bleiben könne. Allerdings, so Püttmann, wolle er selbst seine morgendliche Presseschau auf Twitter nicht mehr missen. (cs)  

Hinweis an die Redaktionen: Über den folgenden Link können Sie sich Fotos zum Thema herunterladen, die Sie bei Nennung des Quellenhinweises kostenfrei einmalig für Ihre Berichterstattung über dieses Thema verwenden können. Eine Archivierung ist nicht erlaubt. Foto: Oliver Müller | Bistum Essen 

https://bistum.ruhr/200309zukunftjournalismus

Diskutierten zur Zukunft des Journalismus: (v.l.) Joachim Frank, Jürgen Domian, Marlis Prinzing, Daniela Sprung, Andreas Püttmann und Wolfsburg-Akademiedozent Mark Radtke. (Foto: Oliver Müller|Bistum Essen)