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14.02.2019

Religionswissenschaftler kritisiert Islamdebatte: Gibt es einen deutschen Islam?

"Wohin entwickelt sich der Islam in Deutschland?" Dieser Frage gingen die Teilnehmenden einer Podiumsdiskussion der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in Mülheim nach. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis Interreligiöser Dialog im Bistum Essen hatte die Akademie zur Debatte eingeladen, bei der der Begriff des "deutschen Islam" diskutiert wurde.

Der seit der jüngsten Islamkonferenz im November viel diskutierte Begriff eines "deutschen Islam" stört nach Ansicht des Religionswissenschaftlers Ali Mete den interreligiösen Dialog mehr, als dass er ihn fördert. "Einen deutschen Islam kann es nicht geben, die Frage stellt sich theologisch überhaupt nicht", sagte Mete am Mittwochabend bei einer Podiumsveranstaltung in der Wolfsburg. Vielmehr seien die Glaubenspraxis und das Gebet in jedem Land dieselben.

"Hohe Religiosität erschwert die Integration"

Die Forderung nach einem "deutschen Islam" werde von vielen Muslimen als von oben herab und aufoktroyiert empfunden, betonte der Chefredakteur des Kölner Debattenmagazins IslamiQ. Einen "deutschen Muslim" dagegen könne es geben - jemanden, der zum Islam konvertiert sei.
Demgegenüber erklärte der Politikwissenschaftler und Soziologe Dirk Halm, dass er sich einen "Islam deutscher Prägung" vorstellen könne. Wichtig sei allerdings, Integration nicht in erster Linie als Eingliederung zu verstehen, sondern als gesellschaftliche Teilhabe auf allen Ebenen.
Der stellvertretende wissenschaftlicher Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) verwies auf eine im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 2017 von ihm durchgeführte Studie über "Muslime in Europa". Demnach haben etwa stark religiöse Muslime, die fünf Mal täglich beten, besonders in Deutschland Probleme auf dem Arbeitsmarkt. "Eine hohe Religiosität erschwert die Integration", erklärte Halm. Religiosität allgemein sei bei gleichem sozialem Umfeld dagegen unproblematisch.

Bricht Moscheevereinen die Mitte weg?

Der Religionswissenschaftler und Autor Michael Blume sprach von einer tiefen "Identitätskrise des Islam" weltweit, die auch in Deutschland zu beobachten sei. Von den knapp fünf Millionen Muslimen seien höchstens 20 Prozent Mitglieder eines Moscheeverbandes, weniger als ein Drittel würde regelmäßig beten. In der muslimischen Community finde derzeit eine "Polarisierung" statt, sagte Blume: "Einerseits beobachten wir bei vielen eine Säkularisierung, andererseits ziehen sich viele hinter Verschwörungstheorien zurück."

Infolgedessen breche in den Moscheevereinen die Mitte weg. Als Hauptkriterien für einen Islam deutscher Prägung bezeichnete Blume eine Orientierung am Grundgesetz, die deutsche Sprache und eine theologische Ausbildung in Deutschland. Allerdings solle der Staat keinen Einfluss auf die Organisation des Islam nehmen: "Muslime haben das Recht und die Verantwortung zur Selbstorganisation", unterstrich Blume.

Quelle: www.domradio.de/themen/islam-und-kirche/2019-02-07/religionswissenschaftler-kritisiert-islamdebatte

Foto: Jens Oboth / Die Wolfsburg