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07.07.2018

Respekt als Basis für eine gesunde Rivalität

Wörtlich genommen ist Feindesliebe in der modernen Gesellschaft kaum denkbar, so der Tenor einer Diskussion in der Schalker Fan-Kneipe „Bosch“. Gerade im Fußball seien Respekt und Fairness das Maß für einen guten Umgang, auch mit gegnerischen Fans. Generalvikar Pfeffer beklagt zunehmende Aggressivität in der Gesellschaft.

Generalvikar Klaus Pfeffer beklagt eine zunehmende Aggressivität in vielen Bereichen der Gesellschaft. „Das gilt nicht nur für politische Diskussionen“, auch bei Debatten innerhalb der Kirche „sind wir da keineswegs vorbildlich“, sagte Pfeffer am Donnerstagabend in Gelsenkirchen. „Da gibt es gelegentlich einen Tonfall, bei dem ich wirklich erschrocken bin und denke: Wir sind doch Christen!“ Es gebe einen Trend, „immer mehr das Trennende zu betonen.“

Pfeffer sprach bei der Podiumsdiskussion „Zumutung Feindesliebe“, zu der die Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ in die Fußball-Kneipe „Bosch“ an der Schalker „Glückaufkampfbahn“ eingeladen hatte. Am Beispiel der Fans von Schalke 04 und Borussia Dortmund wollte Akademie-Dozent Jens Oboth der Frage nachspüren, wie praxisrelevant das christliche Gebot „Liebet eure Feinde!“ im Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts ist.

Feindbilder der Fußball-Fans

So einträchtig die Fans der beiden rivalisierenden Vereine im Clubraum von „Kuzorras Enkeln“ beieinander saßen, so schnell wurde in der Diskussion deutlich, dass es an Feindbildern beim Fußball nicht mangelt. Dabei sei es mit der „Feindschaft“ mit den Lokalrivalen gar nicht so einfach, sagte Markus Mau, Leiter des Schalker Fanprojekts: „Wie oft habe ich den Dortmundern schon den Abstieg gewünscht, aber die erste Liga würde doch nicht mehr so viel Spaß machen, wenn die beiden Revierderbys in jeder Saison fehlen würden.“ Und der Sozialpsychologe Radeep Chakkarath von der Ruhr-Uni Bochum ergänzte: „Das Paradoxe an Fußballfans ist doch: Da können sich Leute nicht leiden, die dieselbe Liebe verbindet.“

Gemeinsamer Protest gegen die Polizei – oder RB-Leipzig

Maus Dortmunder Kollege Thilo Danielsmeyer verwies denn auch auf gemeinsame Feindbilder, die Fußballfans über Clubs-Grenzen hinweg teilen, zum Beispiel die Polizei – oder den als „Kommerz-Club“ verschrienen Verein RB Leipzig. So würden bei der für Samstag in Düsseldorf erwarteten Groß-Demonstration Fans von Schalke und Dortmund gemeinsam ihren Unmut gegen das NRW-Polizeigesetz kundtun, berichteten Mau und Danielsmeyer.

Grundsätzlich sei gegen Feindbilder nichts einzuwenden, sagte Chakkarath: „Wir brauchen Rivalität und Wettbewerb – und wir brauchen Zugehörigkeit, die durch gemeinsame Feindbilder entsteht.“ Erst wenn für Menschen „die Zugehörigkeit zu einer Gruppe das Allerwichtigste ist im Leben, dann wird es gefährlich“, betonte Chakkarath nicht nur mit Blick auf den Sport, sondern auch auf politische Fragen zum Beispiel im Umgang mit Flüchtlingen. Gerade aus ihrer Arbeit mit Jugendlichen und Ultra-Fans, die erklärtermaßen „ihr ganzes Leben“ dem Fußball-Verein widmen, konnten die beiden Fan-Betreuer diese Theorie sofort bestätigen.

Bei Feindesliebe geht es um Respekt

Beim Thema Feindesliebe bemühte sich Pfeffer um eine theologische Einordnung: Es gehe bei Jesu „wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ nicht darum, „deine Feinde zu Freunden zu machen – sondern zu erkennen, dass uns bei aller Feindschaft etwas verbindet: Das Menschsein. Das sorgt dafür, dass wir voreinander Respekt haben“, so Pfeffer. Respekt war denn als Begriff auf dem Podium auch deutlich mehrheitsfähiger als Feindesliebe. „Wenn ich unseren Jugendlichen sage: Wenn dich ein Dortmunder haut, sag: Mach noch mal – das funktioniert nicht“, berichtet Schalke-Fanprojekt-Leiter Mau. Seine Arbeit basiere darauf, die jungen Fans erst einmal zu akzeptieren wie sie sind, auch wenn diese Gewalt ausüben oder Drogen nehmen. Erst aus dieser Akzeptanz könne sich Respekt entwickeln.

Chakkarath verwies auf die Gewaltlosigkeit Ghandis und dessen Idee des Mitgefühls als Basis für einen guten Umgang zwischen den Menschen. In der Radikalität Ghandis, dessen Anhänger sich seinerzeit von britischen Soldaten niederknüppeln ließen, sei dies heute kaum denkbar. Doch Mechanismen wie der Täter-Opfer-Ausgleich bei Gewalt-Straftaten basierten auch auf der Idee des Mitgefühls, das bei den Tätern ausgelöst werde. Fußball sei im Übrigen ein Beispiel, wo Respekt alleine nicht ausreicht. „Im Sport gibt es Regeln – hier ist Fairness entscheidend“, so Chakkarath.

Fanprojekt-Leiter als Friedensstifter

Pfeffer zeigte sich beeindruckt von der Arbeit der beiden Fanprojekt-Leiter, die nicht nur als Friedensstifter in den Fan-Kurven der Stadien tätig sind, sondern sich auch um viele persönliche Probleme ihrer jungen Klientel kümmern. „Sie übersetzen das biblische Wort von der Feindesliebe, sie akzeptieren die Jugendlichen – und reagieren selbst nicht mit Gewalt.“

Dass sich Fußball-Fans gelegentlich sogar ganz ohne gemeinsame Feindbilder zusammentun zeigen die beiden christlichen Fanclubs im Ruhrgebiet – „Mit Gott auf Schalke“ und „Totale Offensive“ aus Dortmund. Sie treffen sich seit einigen Jahren vor jedem Revierderby zum gemeinsamen Gottesdienst. Da sitzen dann blau-weiß und schwarz-gelb ähnlich einträchtig nebeneinander wie am Donnerstagabend im „Bosch“. (tr)

Text: Thomas Rünker / Bistum Essen
Fotos: Nicole Cronauge / Bistum Essen

 

Einen weiteren Taungsrückblick finden Sie hier:

https://www.domradio.de/themen/sport-und-kirche/2018-07-06/katholische-akademie-laedt-schalker-und-dortmunder-einen-tisch

Fotos: Nicole Cronauge / Bistum Essen