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30.05.2018

Saarner Klostergespräch: Ökumenische Expedition ins Quartier. Geistliche und caritative Wirkorte in Mülheim (neu) entdecken

Trotz eines kurz zuvor über Mülheim hinweggezogenen schweren Unwetters hatten sich rund 60 Teilnehmende im "Bürgersaal" des Klosters Saarn zu einem Podiumsgespräch im Rahmen der "Saarner Klostergespräche" eingefunden. Im Zentrum der Abendveranstaltung, die gemeinsam vom "Verein der Freunde und Förderer des Klosters Saarn" und der Wolfsburg durchgeführt wurde, stand die Frage, wie in der Stadt Mülheim Katholiken und Protestanten künftig stärker bei der Quartiersentwicklung kooperieren können. Es diskutierten der Mülheimer Stadtdechant Michael Janßen, Pfr. Gerald Hillebrand, Superintendent des Ev. Kirchenkreises An der Ruhr, sowie der Anglist und Metropolenforscher Prof. Dr. Jens Martin Gurr von der Universität Duisburg-Essen. Moderiert wurde das Podium von Akademiedozent Dr. Jens Oboth.

Angesprochen auf den Zusammenhang zwischen Sprachwissenschaft und Metropolenforschung machte Gurr gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich, dass Metropolen Narrative brauchen, um eine Identität herausbilden zu können. Das Ruhrgebiet habe dafür den Leitbegriff des Strukturwandels gewählt. Allerdings, so Gurr, weisen solche Identitätsnarrative auch immer Blindstellen auf. So gebe es stets Bevölkerungsgruppen, die aus solchen Narrativen ausgeblendet und somit ausgeschlossen würden. Deshalb gelte es vor allem auch für die Ruhrgebietsstädte, sich selbstkritisch die Frage zu stellen, wer am Leitbild des Strukturwandels partizipiert und wer nicht, wer zum Gesicht dieses Strukturwandels wird, und wer unsichtbar bleibt. In einer Metropolregion gelte es daher, die sozialen, kulturellen und religiösen Pluralitäten, Ambivalenzen und Ungleichzeitigkeiten anzuerkennen, sie sichtbar zu machen und entsprechend ein integratives Identitätsnarrativ zu entwickeln.

Dieser besonderen Herausforderung müssen sich die Kirchen in der Metropolregion Ruhrgebiet stellen, so das einhellige Plädoyer von Janßen und Hillebrand. "Wir müssen raus aus unseren weihrauchgeschwängerten Räumen!" so der leidenschaftliche Appell Janßens. Allerdings sei dies keine leichte Aufgabe; schließlich hätten beide Konfessionen - auch in Mülheim - mit Faktoren zu kämpfen, die das eigene Kräftereservoir schwächen: das fortschreitende Erodieren des traditionellen kirchlich verfassten Christentums, wachsende Austrittszahlen und damit verbundene schwindende Finanzmittel zwängen dazu, die kirchliche Infrastruktur in der Stadt zurückzufahren. Umso wichtiger sei es deshalb, neben den bestehenden kirchlichen Anlaufstellen neue Orte zu finden und alternative Gelegenheiten zu schaffen, die es Menschen ermöglicht, mit Gläubigen über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. Dies gelänge beispielsweise schon in kategorialen Seelsorgebereichen, etwa bei der Polizei, der Feuerwehr oder im Krankenhaus. Teilnehmende aus dem Publikum berichteten zudem von ihrem Engagement in Caritas, Diakonie oder der Trauerarbeit. Auch hier sei Kirche, in Kooperation mit verschiedenen nichtkirchlichen Partnern, als positive Gestaltungskraft im Quartier wirksam.

Um die z.T. neuen Aufgaben auf den verschiedenen pastoralen und caritativen Feldern bewältigen zu können, ist in den Augen Janßens ein Paradigmenwechsel in der Mitarbeitergewinnung unverzichtbar: Es helfe nicht, beim aktuellen Eigenbedarf der Kirchen anzusetzen, sondern bei den Begabungen und Interessen jener Menschen, die sich vorstellen könnten, sich in den Kirchen und im Quartier zu engagieren. Charismen entdecken und fördern müsse deshalb die Devise lauten. Wichtig sei dabei, diesen Menschen jenseits etablierter kirchlicher Strukturen ein Experimentierfeld zu gewähren, das Neues ermöglicht. Gerade jüngere Menschen mit spirituellen Sehnsüchten, stellte Professor Gurr heraus, haben bei allem Bedürfnis nach Gemeinschaft auch einen Drang nach freier Gestaltung.

Das Kloster Saarn, so konstatierten die Podiumsteilnehmer, stelle als traditioneller kirchlicher Ort mit seinem Heilkräutergarten, den Klosterbienen und seinem hochkarätigen (kirchen-)musikalischen Angebot eine wichtige Begegnungsstätte von Kirche und Welt, Gemeinde und Gesellschaft dar. Schon im Kulturhauptstadtjahr als "spirituelle Kulturtankstelle" ausgewiesen, könne mit dem Heilkräutergarten z.B. an den gesellschaftlichen Trend des "Urban Gardening" angeknüpft werden und so den Raum für Gespräche über die Bewahrung der Schöpfung eröffnen.

Eines hatte das Gespräch auf dem Podium bereits nach wenigen Minuten deutlich gemacht: Sowohl Stadtdechant Janßen als auch Superintendent Hillebrand sind zwei leidenschaftliche Verfechter und Gestalter der ökumenischen Zusammenarbeit. Hier könne und müsse jedoch noch mehr erreicht werden, darin waren sich beide Geistlichen einig. Auf Mülheim bezogen wären Überlegungen anzustellen, so Hillebrand, ob und wie beide Konfessionen in bestimmten Stadtteilen angesichts der Aufgabe von kirchlichen Gebäuden gemeinsam eine Kirche oder ein Gemeindehaus unterhalten könnten. Auch wäre künftig ein gemeinsam ausgerichteter Neujahrsempfang beider Kirchen anzustreben. Doch auch auf weiteren Feldern gelte es, das bereits vorhandene Engagement zu intensivieren: Im Dialog mit Andersgläubigen, insbesondere mit Muslimen, und in der Entwicklung von Gesprächsformaten mit jenen, die den Kirchen den Rücken gekehrt haben. (Ob)

Wenn Sie mehr über das Kloster Saarn, den Heilkräutergarten, die Klosterbienen oder das musikalische Angebot erfahren möchten, klicken Sie bitte auch folgenden Link: https://www.kloster-saarn.com/

Foto: Horn

Foto: Horn