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Druckdatum: 22. Juni 2018 - 11:03 Uhr
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07.03.2018

Praktikums-Blog: „Should I stay, or should I go?“

Was haben ein Kopierer, der Kirchenausstieg und ein Chor gemeinsam? Der Antwort auf diese Frage möchte ich in diesem Blogeintrag nachgehen. Alle genannten Worte beschreiben einzelne, erste Mosaikteile meines Praktikums. Seit genau einer Woche begeistert mich der große Facettenreichtum der Erwachsenenbildungsarbeit. Zeit, eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen. Wie ist der Start ins Praktikum gelungen? Welche ersten Eindrücke habe ich gesammelt? Und die alles entscheidende Frage: Should I stay or should I go?

 

 

Kurze Vorstellung:
Ich heiße Jenny Janßen, bin 22 Jahre alt und studiere an der Universität Regensburg Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte im 4. Semester. Diese Semesterferien verbringe ich in der Wolfsburg, um ein freiwilliges Praktikum zu absolvieren.

Zwischen Kopierer, Kirchenaustritt und Chorprojekt

Meine erste Erinnerung an die letzte Woche verbinde ich mit meinem Mentor Dr. Matthias Keidel. Er arbeitet im Ressort der Bildungsarbeit an der Schnittstelle zwischen Kultur, Gesellschaft, Glaube und Ethik. Durch seine positive Lebenseinstellung fiel es mir leicht, die neuen Aufgaben, Kollegen und das Haus kennenzulernen. Besonders bewundernswert sind seine enorme Kreativität beim Schreiben und sein musisches Können am Saxophon und der Gitarre.

Die erste Tagung, in die ich hineinschnuppern durfte, beschäftigte sich mit Kirchenverbleib, Kirchenaustritt und der Zukunftsfrage nach Veränderung in der Kirche. Unter dem Titel „Should I stay or should I go“ wurde nicht nur auf den bekannten Song von „The Clash“ angespielt, sondern auch die neusten Forschungsergebnisse zum Kirchenaustritt von Mitgliedern der deutschen Bistümer diskutiert. Unser Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck stellte prägnant fest: „Die Arbeit beginnt erst jetzt“. Besonders die Altersgruppe der 20- bis 29-jährigen entscheidet sich überdurchschnittlich stark für einen Kirchenaustritt. Das Thema ist brisant und aktuell. Die Kirche bietet viele Reibungspunkte, aber die Austrittsgründe lassen sich schwer pauschalisieren. Aus dieser Diskussion habe ich mit nach Hause genommen, dass hinter jedem Austritt eine individuelle Geschichte steht.

Meine ersten Aufgaben beschäftigten sich größtenteils mit der großen Wochenendtagung unter dem Motto „Klangwelten und Weltklänge - Neue Sounds entdecken - Neues Geistliches Lied.“ Unter der Chorleitung von Carlos Reigadas wurden über das Wochenende hinweg zahlreiche Pop- und Gospelgesänge einstudiert.  Für ein Chorprojekt mit über 100 Sängerinnen und Sängern sind Noten unerlässlich. Die erste, wichtige Aufgabe meines Dienstes bestand darin, 84 Notenblätter auf 8.000 Seiten zu vervielfältigen. Während ich am Empfang den Kopierer bediente, überlegte ich mir einen passenden Impuls für den Freitagabend des Seminars. Unter dem Titel „Gedanken am Kopierer“ versuchte ich, die Teilnehmer auf die kleinen Besonderheiten der Freude aufmerksam zu machen:

„Gedanken am Kopierer“

Bevor ein Chor singen kann, benötigt er Noten.
Diese Noten vervielfältigt der Kopierer nicht ohne Anweisung.

Ich stehe im Kopierraum und beobachte die Maschine, wie sie die 84 Seiten auf 8.000 vervielfältigt. Der Kopierer druckt im eintönigen, gleichmäßigen Rhythmus die Seiten. Wie ein Metronom ächzt und quietscht es und der Geruch von Druckerfarbe breitet sich im kleinen Raum unaufhaltsam aus. Eine Aufgabe wie geschaffen für eine Praktikantin. Ich schaue mir die Lieder an, studiere die Titel und ein Wort hält meine Aufmerksamkeit: JOY -  FREUDE.
Ich schaue aus dem Fenster und frage mich: Was ist Freude und was macht uns Menschen zufrieden? Verschiedene Persönlichkeiten mit verschiedenen Antworten.
Eine Mutter mit Kinderwagen fährt vorbei, sie bleibt stehen und wickelt den Schal ihres Kindes neu um es zu wärmen. Was muss es wohl für eine Freude sein, einen kleinen Menschen so zu lieben.
Ich fühle die Sonne die durch das Fenster fällt und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich spüre wie die Wärme mich stärkt und Freude aufkeimt.
Am Empfang wird einem Gast geholfen, der sein Zimmer nicht findet. Er wirkt erleichtert und lässt sich den Weg zeigen. Seine Dankbarkeit ist Zeuge seiner Freude.

Freude ist ein Gefühl, das alleine oder in der Gemeinschaft, subjektiv empfunden wird. Wenn Freude geteilt wird entsteht Gemeinschaft. Das beste Beispiel ist der Chor, denn wenn eine Stimme mit den Stimmen einer ganzen Sängergemeinschaft verschmilzt, entsteht ein Gefühl der Stärke und tiefsten Zufriedenheit - die Keimzelle der Freude. Eine Note alleine reicht nicht aus, um einem ganzen Lied Melodie zu schenken und jeder Rhythmus besteht aus unterschiedlichen Zeiteinheiten, um den Gesang zu leiten.
Freude tritt in den unterschiedlichsten Formen auf.
Das heißt: leise und laut, alleine und gemeinsam, klein und groß. Die Musik bedient sich dieser unterschiedlichen Formen und fördert, verstärkt und berührt unsere Seele.

Einige Zeit ist vergangen und die Noten sind fertig gedruckt. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen – jetzt darf es losgehen.

Um die Freude sprichwörtlich festzuhalten, verteilte ich für jeden Teilnehmer eine Wäscheklammer. Bei einem gemütlichen Beisammensein am Abend sind viele Teilnehmer auf mich zugekommen und haben sich bei mir für das inspirierende Abendwort bedankt. Es ist ein schönes Gefühl, vor einer größeren Gruppe zu sprechen und in den Augen der Menschen zu erkennen, dass man sie mit seinen Worten erreicht.

Darüber hinaus durfte ich im Chorprojekt selber aktiv werden. Ganz neu lernte ich die LAX VOX Methode kennen. Dieses Stimmtraining wurde von der Finnischen Logopädin Stephanie A. Kruse entwickelt. Heute wird es für zahlreiche Gesangsvorbereitungen genutzt. Mithilfe eines kleinen Plastikschlauches, den man in eine mit Wasser gefüllte Flasche hält, wird ein U in verschiedenen Tonlagen und Melodien gesungen. Dabei lockert sich der komplette Stimmapparat und das Singen in höheren Lagen wird erleichtert.

Ein weiterer Höhepunkt des Tagungswochenendes war die Menüabfrage. Alle Teilnehmer durften zwischen einem vegetarischen Menü und einem Fleischgericht wählen. Mit kreativem Eifer verfassten Herr Dr. Keidel und ich Literarische Köstlichkeiten für unsere Gäste. Die Rinderroulade mit Rotkohl und Kartoffelklößen wurde zur großen Liebesgeschichte und der Linsenbratling musste im Boxring gegen das Antipasti-Gemüse antreten.

Menü 1 und die heiße Liebe
„Ich habe sie gefragt.“, vertraut die Rinderroulade seinem besten Freund, der Selleriesuppe, an.
„Na endlich, das wurde aber überfällig. Was hat sie gesagt?“
„Sie hat nicht abgelehnt. Auf dem großen Teller des Hauptgerichtes wollen wir uns treffen.“
„Bist du dir sicher? Das ist eine eindeutige Ansage!“
„Es muss endlich Klarheit herrschen zwischen dem Salatbuffet und mir. Seit Ewigkeiten versucht das gemeine Blattgemüse mir meine heiße Liebe streitig zu machen. Der süße Kartoffelkloß, der gehört nur mir! Heute wird aufgeräumt! Immerhin kann ich mit deftigen Argumenten überzeugen. Mit rotem Kohl werden wir unsere Liebe besiegeln.“
„Ihr habt meinen Segen!“ entgegnet die Selleriesuppe und schaut verträumt in Richtung des Apfel-Quarkmousse. „So süß und zart, dass sogar ich schwach werde!“

Wenn Sie der innigen Liebe von Rinderroulade mit Rotkohl und Kartoffelklößen eine Chance geben möchten, entscheiden Sie sich für Menü 1.

 

Menü 2 und der Kampf im Ring

Heute Mittag, meine Damen und Herren, werden sie Zeuge eines unvergesslichen, atemberaubenden und historischen Menus im Ring 2. Auf der linken Seite, erwartet uns der unersättliche und mit bereits 50 Siegen gekrönte Meister: der Linsenbratling! Nicht zu verstecken braucht sich auf der rechten Seite das Antipasti-Gemüse. Wir haben es schon in vielen Menüs gesehen und es darf durch seine jahrelange Erfahrung auf dem Teller nicht im Geschmack unterschätzt werden.
Die Stimmung bei der Vorspeise ist köstlich. Salatbuffet und Selleriesuppe unterhalten das Publikum mit Fangesängen. Da erhebt sich sogar unser Ehrengast, das Apfel-Quarkmousse zum Applaus!

Meine Damen und Herren, sind Sie bereit für einen Kampf der Extraklasse zwischen Linsenbratling und Antipasti-Gemüse? Dieses starke vegetarische Gericht lässt keinen Gaumen trocken! Zeigen Sie wahre Stärke und wählen Sie Menü 2.


Insgesamt hat mich mein erstes Wochenende in der Wolfsburg stark beeindruckt und ich bin begeistert von der kollegialen und respektvollen Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen. Die Wolfsburg ist ein Ort an dem interessierteund wissbegierige Menschen in den Dialog miteinander treten. Ich freue mich auf eine weitere Woche neuer Erfahrungen. Should I stay or should I go? Diese Frage kann ich eindeutig mit „Ja, ich bleibe“ beantworten. Heute werde ich das „Glückauf Zukunft“-Projekt kennenlernen. Davon handelt dann der nächste Artikel.

Eure Jenny Janßen

Mein wunderbares Tagungsteam (v.r.): Dr. Matthias Keidel (Dozent und Tagungsleitung), Ich (Jenny Janßen), Stefan Glaser (Bischöflicher Beauftragter für Kirchenmusik im Bistum Essen), Carlos Reigadas (beim Vorführen der LAX VOX Methode), Mathias Bangert (Musiker), Finn Keidel (Schlagzeuger)