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30.10.2020

Tolle Menschen, aber eine schlechte Infrastruktur

Mit einer ersten Podiumsdiskussion der neuen Reihe „Das Ruhrgebiet im Stresstest“, machte sich die Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ am Donnerstagabend auf die Suche nach den Hemmschuhen in der Ruhrgebiets-Entwicklung.

Mangelnde Infrastruktur – etwa im öffentlichen Nahverkehr –, Probleme im Schulsystem und fehlende Flächen für neue Unternehmen – dies sind nach Expertenmeinung die größten Schwierigkeiten wenn es darum geht, das Ruhrgebiet und seine Wirtschaft voran zu bringen. Und dies trotz mehr als fünf Millionen zu großen Teilen toleranter, international orientierter und gute ausgebildeter Menschen.


In der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim diskutierten am Donnerstagabend der Ruhrgebiets-Wirtschaftsförderer Rasmus Beck, der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Jörg Bogumil und der Volkswirt Jens Südekum über die Hemmschuhe und Stolpersteine, die das Revier trotz jahrzehntelangem Strukturwandel immer noch als Problemregion erscheinen lassen. „Das Ruhrgebiet im Stresstest“, heißt die neue Veranstaltungsreihe der Wolfsburg, die die Akademie nach dem Auftaktabend am Donnerstag gemeinsam mit der Ruhrgebiets-Wirtschaftsförderung Business Metropole Ruhr künftig mit weiteren Diskussionsabend fortsetzen will.


Schlusslicht im Langfrist-Vergleich

Auch wenn das Revier im internationalen Vergleich ehemaliger Schwerindustrie-Regionen laut Südekum „heute fast eine Vorbildfunktion“ habe, schnitten die Städte und Kreise im Ruhrgebiet im bundesdeutschen Langfrist-Vergleich schlecht ab. Unter den zehn westdeutschen Kommunen mit dem schlechtesten Beschäftigungszuwachs seit 1978 seien sechs aus Nordrhein-Westfalen, darunter Duisburg und Gelsenkirchen. Als beste Stadt im Ruhrgebiet lande Bottrop in dieser Analyse auf Platz 167 von bundesweit 326 Städten und Kreisen. „Einen Strukturwandel hin zu modernen Dienstleistungen hat es in Deutschland fast überall gegeben“, erläuterte Südekum. „Hier hätte das Ruhrgebiet überproportional zulegen müssen.“ Es gebe jedoch im Revier nur einige wenige Branchen und Städte, wo dies gelungen sei. Nötig sei „ein Zugpferd“, bei dem von außen klar sei, „ah ja, das ist das Ruhrgebiet“.


Bogumil kritisierte den Langfrist-Vergleich als „ungerecht, weil die Ausgangsbedingungen der Ruhrgebiets-Städte ungleich waren“. Schaue man nur auf die vergangenen zehn Jahre, sehe manches besser aus. Mit Blick auf die Wirtschaftsstruktur der Region betonte der Bochumer Universitätsprofessor: „Wir brauchen nie wieder die eine große Firma, die uns im Ruhrgebiet rausreißt.“ Auch Beck, Noch-Geschäftsführer der Business Metropole Ruhr und ab Frühjahr Chef der kommunalen Wirtschaftsförderung in Duisburg, nannte die vergangenen zehn Jahre den Zeitraum, in dem der eigentliche Wandlungsprozess im Ruhrgebiet begonnen habe. Wirtschaftlich sei das Revier heute „eher ein Tausendfüßler als ein Riese auf zwei Beinen“, so Beck mit Blick auf die von wenigen Großkonzernen dominierte Vergangenheit im Revier. Die Wirtschafts-Förderung tue deshalb gut daran, einerseits nach den Zugpferden zu schauen, die eine gewisse Bekanntheit sichern, andererseits aber vor allem auf Diversität zu setzen.


Unternehmen fehlen ebenso wie qualifizierte Zuwanderer

Dem Ruhrgebiet mangele es an Unternehmens-Zuzügen wie an Bevölkerungs-Zuwachs, war sich das „Wolfsburg“-Podium einig. Haupthindernis aus Süderkums Sicht: „Die miserable kommunale Infrastruktur im Vergleich zu anderen Regionen.“ Wenn das Ruhrgebiet eine attraktive Region sein wolle, „muss auch die Infrastruktur stimmen, im digitalen, im Verkehrs- und vor allem im Schulbereich“, forderte der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Uni. Gerade mit Blick auf die Schulen stimmte ihm Bogumil zu: „Wir wissen seit 20 Jahren, wo die schlechteren Stadtteile sind.“ Dort müssten die besten Lehrer hin – doch die seien eher in den wohlhabenderen Quartieren mit hohen Abiturientenquoten zu finden. Bogumil kritisierte weiter, dass die Revierstädte als Folge des Strukturwandels nach wie vor unter einer „unverschuldeten Schuldenlast“ litten. Die historische Chance eines Altschuldenschnitts sei verpasst worden, hier müssten Land und Bund nachlegen, um den Ruhrgebietsstädten Möglichkeiten für Infrastruktur-Investitionen zu schaffen.


Standortfaktoren des Reviers: Talente, Technologie und Toleranz

Mit Blick auf die Standortfaktoren des Reviers betonte Beck: „Talente, Technologie und Toleranz, da können wir in vielen Bereichen einen Haken dran machen.“ Nötig seien jedoch Flächen, auf denen neue Unternehmen angesiedelt werden können. Als er vor sieben Jahren bei der Business Metropole Ruhr angefangen habe, hätte es noch reichlich Flächen gegeben, heute könne er jedes brauchbare Areal dreimal vermarkten, beschreibt Beck die gestiegene Nachfrage.


Bogumil verweist auf den Standort des ehemaligen Bochumer Opelwerks, wo bis 2025 fast dreimal so viele Arbeitsplätze entstehen sollen, als Opel bei der Werksschließung 2014 aufgegeben hat – und darauf, dass alle Prognosen derzeit unter dem Corona-Vorbehalt stehen: „Wenn wir die Corona-Krise überstehen und wieder ein wenig an den Punkt kommen, wo wir vor der Krise waren, dann sind wir im Ruhrgebiet gar nicht so schlecht nicht aufgestellt.“

Die gut einstündige Diskussion können Sie hier im Link nochmals ansehen.

Text: Thomas Rünker | Bistum Essen

Fotos: Nicole Cronauge | Bistum Essen