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Druckdatum: 26. Juni 2019 - 22:37 Uhr
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31.05.2019

Vorsichtige Entspannung zwischen Kirche und Homosexualität

Podiumsgespräch in der Wolfsburg: Unter Papst Franziskus hat sich der Umgang mit dem Thema – und mit Homosexuellen – gelockert, aber der Katechismus lehnt Homosexualität weiter ab. Liturgiewissenschaftler arbeiten an Ritus für die Segnung homosexueller Paare.

Nach vielen Jahren der Unterdrückung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in der katholischen Kirche sieht der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz Anzeichen für eine vorsichtige Entspannung im Verhältnis zwischen Kirche und Homosexualität. Als Beleg führte er am Montagabend in Wolfsburg Aussagen von Papst Franziskus, die in einigen Bistümern geführte Diskussion um kirchliche Segnungsfeiern für Homosexuelle und einen normaleren Umgang mit dem Thema Homosexualität im theologischen Wissenschaftsbetrieb an.

Unter der Überschrift „Ende eines Tabus?“ hatte die Wolfsburg zur Diskussion über Erfahrungen von und Perspektiven für homosexuelle Menschen in der Kirchegeladen. Goertz und der Theologe und Sprecher der Aidshilfe NRW, Guido Schlimbach, diskutierten mit Akademiedozent Dr. Jens Oboth. Auch Bischof Franz-Josef Overbeck hatte im Januar in einem Beitrag für die Zeitschrift „Herder-Korrespondenz“ eine neue Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen gefordert.

Verbesserungen durch Papst Franziskus

Goertz macht die jüngsten Verbesserungen in erster Linie an Papst Franziskus fest. 2015 veröffentlichte Goetz seinen Sammelband „;Wer bin ich, ihn zu verurteilen?‘: Homosexualität und katholische Kirche“. Vier Jahre früher „hätte ich das nicht gemacht“, sagte der aus Oberhausen stammende Theologe. In der Vergangenheit hätte die intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema ebenso das Ende einer akademischen Laufbahn bedeutet wie ein persönliches Outing als homosexuell. „Diese Erfahrungen waren sehr traurig und sehr niederschmetternd“, so Goertz. Unter Papst Franziskus sei die Situation nun eine andere, „da ist der Dialog wichtiger als die Disziplinierung“. Auch Schlimbach hat in der Kirche die Erfahrung gemacht, „dass es für viele Hauptamtliche bis vor kurzem nicht möglich war, überhaupt darüber zu sprechen, dass man jenseits der hetero-normativen Ordnung lebt“. Schlimbach sprach von einem „Leben unter Druck“. Mit Blick auf Ehrenamtlich und „ganz normale Gemeindemitglieder“ fürchtet er indes, „dass sich da vieles seit langem erledigt hat“ Viele Schwule und Lesben hätten sich aus den Gemeinden zurückgezogen.

Aus Goertz‘ Sicht hat die Kirche vor allem deshalb ein Problem mit Homosexualität, weil „die Struktur der Kirche auf der asymetrischen Ergänzung von Mann und Frau besteht – und diese durch Gleichgeschlechtlichkeit infrage gestellt wird“. Zumindest in der Wahrnehmung mancher Kirchenvertreter funktioniere dann die Grundstruktur der Kirche nicht mehr, „denn wer über Beziehungen von Mann zu Mann und Frau zu Frau nachdenkt, der stellt auch andere Geschlechterrollen infrage“.

Verständnis von Homosexualität ist erst 150 Jahre alt

Dass die Kirche Homosexualität ablehne, weil dies in Texten der Bibel und der theologischen Tradition begründet sei, ist für Goertz abwegig. „Von unserem heutigen Verständnis von Homosexualität reden wir seit maximal 150 Jahren, von daher kann kein mittelalterlicher Theologe zu diesem Thema etwas gesagt haben.“ In der Vorstellung früherer Menschen sei jeder Mensch heterosexuell gewesen – erst seit dem 19. Jahrhundert habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, „dass von Natur aus ein bestimmter Prozentsatz von Männern und Frauen eine andere sexuelle Orientierung besitzt“. 1975 habe sich die Kirche erstmals offiziell zum Thema Homosexualität geäußert – „von einer ewig bestehenden Lehre kann man da nicht reden.“ Auch die Bibelstellen, die sich ausdrücklich gegen Sex von Männern mit Männern aussprechen, sind für Goertz mit Blick auf das heutige Verständnis von homosexueller Liebe und Beziehungen wenig hilfreich. Er nannte es „ein sehr bemerkenswertes Zeichen“, dass auch Papst Franziskus diese Stellen nicht mehr als Belege zitiere, wenn er sich zu Homosexualität äußere.

Katechismus nennt Homosexualität „schlimme Abirrung“

Ungeachtet davon fehlt indes bislang eine Änderung des Katechismus, der sich im Abschnitt 2357 explizit gegen Homosexualität wendet und diese als „schlimme Abirrung“ und „in sich nicht in Ordnung“ bezeichnet. Der Papst könne dies ändern, so wie er im vergangenen Jahr zum Beispiel die Katechismus-Aussagen zur Todesstrafe verändert habe, erläuterte Goertz. Bei der Ächtung der Todesstrafe sei das zentrale Argument die Menschenwürde gewesen. Diese könne man bei der Ablehnung der Homosexualität auch heranziehen – doch offenbar seien „die Beharrungskräfte“ in der Kurie für einen solchen Schritt derzeit noch zu groß.

Schlimbach und Goertz waren sich einig, dass zumindest in der Praxis der Seelsorge viele Priester Homosexuellen gegenüber offen begegneten und schwule und lesbische Paare in privaten Gottesdiensten segneten. Zudem arbeiteten Liturgiewissenschaftler an einem festen Ritus für solche Segnungsfeiern. „Das muss dann auch ein öffentlicher Ritus sein“, forderte Goertz.

Generalvikar Klaus Pfeffer, der die Podiumsdiskussion zusammen mit Weihbischof Ludger Schepers als Zuhörer verfolgte, betonte den immensen Wandel, den die Kirche – wie die Gesellschaft – im Umgang mit Homosexualität beschreite. „Da haben wir eine tausende Jahre alte Tradition in Fleisch und Blut aufgenommen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität im katholischen Raum zumindest in der Wahrnehmung der Menschen praktisch nicht existiert hat.“ Heute sei er froh über eine große Offenheit bei dem Thema, auch in der Priesterschaft des Ruhrbistums. Wichtig sei, dass Homosexualität in der Kirche „entpathologisiert“, also nicht länger als etwas Krankhaftes, nicht Normales dargestellt werde. Dies habe auch Bischof Overbeck in seinem Beitrag in der „Herder-Korrespondenz“ gefordert. „Jeder Mensch kann äußerst respekt- und liebevolle zwischenmenschliche Beziehungen eingehen“, stellt Overbeck in dem Text klar. Bestimmte Gruppen von dieser Einschätzung auszuschließen, sei „Ausdruck eines Vorurteils, das für Betroffene schwer zu ertragen ist und letztlich zu ihrer Diskriminierung oder gar Kriminalisierung beiträgt“, so der Bischof. (tr)

Text: Thomas Rünker / Bistum Essen
Fotos: Nicole Cronauge / Bistum Essen

Fotos: Nicole Cronauge / Bistum Essen