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04.10.2018

Wo Abendland, da kein Morgenland – wie Religion das Ringen der Deutschen um ihre Identität prägt

Die deutsche Gesellschaft, die parteipolitische Landschaft und auch Teile der Kirchen zeigen sich gegenwärtig gespalten, wenn es um die Frage von Zuwanderung insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern geht. Die Flüchtlingskrise, islamistischer Terror und mehrere Tötungsdelikte durch abgelehnte, jedoch nicht abgeschobene Asylbewerber aus Nordafrika oder dem Nahen Osten haben in der jüngsten Vergangenheit bei vielen Deutschen Ängste ausgelöst oder handfeste Ressentiments geschürt. Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Übergriffe auf Migranten sind bis heute traurige Realität in Deutschland.

Für nicht wenige Deutsche scheint es inzwischen eine ausgemachte Sache zu sein, dass sich – stereotyp ausgedrückt – „abendländische“ und „morgenländische“ Kultur letztlich nicht vertragen. Muslimen wird dabei oft unterstellt, außerhalb des jüdisch-christlichen Wertesystems zu stehen, was ihre Integration erschwere, wenn nicht gar ganz unmöglich mache. Auch seien, so ist oft das Argument zu hören, die Gottes- und Menschenbilder in Christentum und Islam grundverschieden, sodass soziale, religiöse und kulturelle Konflikte unumgänglich seien. Kurz: Die öffentliche Debatte darüber, ob sich der Islam mit den säkular-freiheitlichen bzw. rechtsstaatlich-demokratischen  Verfassungen der europäischen Ländern verträgt, scheint weitgehend vergiftet zu sein.

In einer Zeit, die einerseits von starken Säkularisierungsschüben und einem sich fortsetzenden Entkirchlichungsprozess gekennzeichnet ist, in der andererseits jedoch religiöse Symbole wie das Kreuz und das Kopftuch gegeneinander in Stellung gebracht werden, ist es der Wolfsburg und dem Arbeitskreis Interreligiöser Dialog im Bistum Essen ein großes Anliegen, scheinbare allgemeingesellschaftliche Gewissheiten im interreligiösen bzw. interkulturellen Austausch zu hinterfragen. Stehen Juden, Christen und Muslime tatsächlich für unterschiedliche Wertesysteme? Oder stehen für alle drei Religionsgemeinschaften die Chancen gut, eine freiheitlich-demokratische Kultur gemeinsam positiv zu prägen?

Diesen Fragen stellten sich auf dem Podium Prof. Dr. Christian Hillgruber, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Universität Bonn und Direktor des dortigen Instituts für Kirchenrecht, die muslimische Theologin Hamideh Mohagheghi (Universität Paderborn) sowie der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Uhde (Universität Freiburg).

Uhde machte während der Debatte deutlich, dass gläubige Christen und Muslime keineswegs über grundlegend verschiedene Werte verfügen, sondern, im Gegenteil, hinsichtlich der christlichen Werte Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit eher an einem Strang ziehen könnten. Ebenso sei es nicht zulässig, eine strikte Dichotomie zwischen dem islamischen und dem christlichen Gottes- bzw. Menschenbild herzustellen, wie es heute oftmals im öffentlichen Diskurs getan werde. Schließlich seien Juden, Christen und Muslime nicht zuletzt aufgrund der noachidischen Gebote sowie des gemeinsamen Stammvaters Abraham in theologischem bzw. religiösem Sinne „Verwandte“.
Mohagheghi machte darauf aufmerksam, dass sich insbesondere die liberale islamische Theologie an den deutschen Universitäten für Menschenrechte und Demokratie einsetzen würde. Dem stünde der häufig an Muslime adressierte Vorwurf gegenüber, im Islam würde voraufklärerisches Gedankengut verbreitet, das mit den Grundlagen eines säkularen Verfassungsstaats nicht vereinbar sei. Die muslimische Theologin gab zu bedenken, dass im Islam über Jahrhunderte hinweg eine aufklärerische Tradition vorherrschend war, die maßgeblich in der Vielfalt der koranischen Deutungen Ausdruck fand. Dass in den vergangenen Jahrzehnten im Islam fundamentalistische und autoritäre Strömungen auf dem Vormarsch sind, hänge in erster Linie mit (geo- bzw. global-)politischen Verwerfungen und Konflikten zusammen. Insbesondere würden autoritäre Staatsregierungen die Ausbreitung islamistischer Strömungen begünstigen. Dagegen habe sich der Islam durchaus als  demokratiekompatibel erwiesen. In Iran beispielsweise sei 1953 die damalige, parlamentarisch legitimierte iranische Regierung allerdings durch eine US-amerikanisch unterstützte Intervention gestürzt worden.

Gefragt, ob er den langen Aussöhnungsprozess der katholischen Kirche mit der Demokratie im 19. und 20. Jahrhundert auch dem Islam zutraue, insistierte Prof. Hillgruber auf die Offenheit dieses Prozesses. Diese Aussöhnung könne gelingen, sie könne aber auch scheitern. Gleichzeitig hob er hervor, dass eine vollständige Harmonisierung der unterschiedlichen Wertevorstellungen für ein friedliches Zusammenleben in einer Demokratie auch nicht zwingend erforderlich sei, sofern die demokratisch-rechtsstaatliche Grundordnung nicht aktiv bekämpft werde. Nicht die Religion selbst müsse verfassungskonform sein, sondern die religiöse Praxis ihrer Anhängerinnen und Anhänger. Selbst konservative religiöse Auslegungen sowohl islamischer wie christlicher Provenienz seien dann – aber nur dann – vom Grundgesetz gedeckt.

Der Abend machte deutlich, dass Islam und säkularer Verfassungsstaat durchaus miteinander in Einklang zu bringen sind. Es wird in Zukunft darauf ankommen, Begegnungs- und Gestaltungmöglichkeiten im interreligiösen und interkulturellen Austausch zu stärken und auszubauen. Dafür ist es unerlässlich, dass einerseits offen verfassungsfeindliche Strömungen im Islam, z.B. der gewaltbereite Salafismus, benannt und mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden; andererseits müssen vorurteilsbehaftete Überzeugungen gegenüber dem Islam, die sich im gesellschaftlichen Diskurs verfestigt haben, kritisch hinterfragt und letztlich überwunden werden. So berichtete Mohagheghi von wiederholten Erfahrungen, als muslimische Koranforscherin in öffentlichen Veranstaltungen insbesondere von Diskussionsteilnehmenden aus dem rechtspopulistischen Spektrum nicht ernst genommen und stets auf die gleichen, Gewalt legitimierenden Koran-Suren hingewiesen zu werden. Dogmatisch würden dann auf der angeblich demokratiefeindlichen Grundhaltung des Islams insistiert und widersprechende Darstellungen ignoriert. Es wird also in Zukunft darauf ankommen, ob und wie gut es Christen, Muslime, Anders- und Nichtgläubige in einem modernen demokratischen Verfassungsstaat gelingt, Orte und Formen einer wertschätzenden und offenen Begegnung zu schaffen. (Ob)