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13.11.2019

Zukunftsprojekt Heimat gestalten

Podiumsdiskussion des Rats für Land- und Forstwirtschaft mit Bischof Franz-Josef Overbeck, WDR5-Moderator Jürgen Wiebicke und der aus dem Iran geflohenen Frankfurter Kommunalpolitikerin und Psychotherapeutin Nargess Eskandari-Grünberg in der Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“.

Heimat nicht nur als Sehnsucht nach längst vergangenen Zeiten zu denken, sondern als Zukunftsprojekt, das gestaltet werden will, war ein Anliegen des Plenums, das am Montagabend in der Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“ über dieses durchaus sperrige Thema diskutiert hat. Moderiert von Akademiedozent Mark Radtke sprach Bischof Franz-Josef Overbeck mit dem Philosophen und WDR5-Moderator Jürgen Wiebicke und der 1985 aus dem Iran nach Frankfurt geflohenen Kommunalpolitikerin (Grüne) und Psychotherapeutin Nargess Eskandari-Grünberg.

Marlies Schmitz: „Heimat zeigt immer in die Zukunft“

„Heimat bedeutet: Ja, die Vergangenheit ist mir wichtig – aber Heimat zeigt immer in die Zukunft“, hatte die Duisburger Landwirtin Marlies Schmitz, Sprecherin des Rates für Land- und Forstwirtschaft im Bistum Essen, der Diskussion als Impuls mit auf den Weg gegeben. Dass gerade dieser Rat das Thema auf die „Wolfsburg“-Agenda gesetzt hat, sei naheliegend, sagte Bischof Overbeck – wie Schmitz Kind einer Bauernfamilie. Für Landwirte sei der Heimatbegriff „eng mit der eigenen Scholle, dem Ort, an dem sie für sich und ihre Nachfahren für das tägliche Brot sorgen, verknüpft“. Ähnlich seien Heimat und Arbeit im Ruhrgebiet lange Zeit auch für Bergleute und Stahlarbeiter eng miteinander verbunden gewesen.

„Heute haben Leute Heimweh, die ihre Heimat nie verlassen haben“

„Heute haben Leute Heimweh, die ihre Heimat nie verlassen haben“, sagte Wiebicke. Als er 2015 für sein Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ gewandert sei, habe er immer wieder Menschen getroffen, die gesagt hätten: „Ich lebe hier seit Jahrzehnten, aber ich komme nicht mehr klar in dieser Welt.“ Innerhalb einer Generation habe sich „die Welt, die wir wahrnehmen, dramatisch vergrößert“, so Wiebicke. „Mein Vater ist noch aufgewachsen mit einem Horizont, der drei Dörfer betrug. Das können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Wir haben heute unglaubliche Freiheiten gewonnen, aber überhaupt noch nicht eingeübt, mit diesen Freiheiten umzugehen.“ Daraus entstehe bei manchen Menschen „der Wunsch, sich in eine kleine, vertraute Welt zurückzuziehen“.

Auch Bischof Overbeck betonte, dass „die Menschen heute endgültig in der Freiheit angekommen sind“. Damit seien sie „auch frei, sich gegen all das zu entscheiden, was ihrer Elterngeneration noch wichtig war“. In der Kirche sei dies nicht nur bei der Zahl der Gottesdienstbesucher spürbar, sondern auch bei den Formen, die den Menschen heute wichtig seien, um ihren Glauben zu leben oder auch nur kulturelle Rituale zu begehen. Das winterliche Riesenrad direkt vor seinem Bischofshaus in der Essener Innenstadt zum Beispiel sei für seine Mitarbeiter und ihn vor allem laut und störend, „aber für ganz viele Menschen in Essen ist es ein Zeichen dafür, dass bald Weihnachten ist“.

Eskandari-Grünberg wirbt für „neue Räume der Begegnung“

Angesichts sich leerender Kirchen, sterbender Kneipen und anderer wegbrechender Heimat-Strukturen aus der Vergangenheit sowie einer wachsenden Durchmischung von Zugezogenen und schon länger vor Ort Lebenden wirbt Eskandari-Grünberg für „neue Räume der Begegnung“, gerade in Großstädten. „Die Menschen in meiner Straße sehen sich oft die ganze Wochen nicht, weil alle berufstätig sind.“ Nötig seien heute „Menschen, die Heimat und Zukunft gemeinsam gestalten.“

Menschen, wie sie Journalist Wiebicke im Dorf Darup bei Nottuln im Münsterland getroffen hat. „Da lag lange Zeit der Hund begraben“, sagt Wiebicke. Doch dann sei der Bau einer Umgehungsstraße so etwas wie eine Initialzündung gewesen und die Leute hätten angefangen „ihre Heimat und ihre Zukunft zu entwickeln“. „Die wollten nicht das Darup von 1950 zurückhaben, sondern ihr Dorf nach vorne bringen. Und es waren vor allem die Zugezogenen, die die Initiativen gestartet haben“, so Wiebickes Beobachtung. Ähnliche Entwicklungen hat Overbeck auch in seiner Heimat Marl-Drewer im nördlichen Ruhrgebiet beobachtet, wo er „als Mitglied einer der drei Ursprungsfamilien groß geworden“ ist. „Es braucht die Dynamik der Zugezogenen, aber es braucht auch die Strukturen der Schon-Dagewesenen.“

„Wann dürfen sich die Zugezogenen zuhause fühlen?“

Eskandari-Grünberg stellte indes eine Frage, die geflüchtete Zuwanderer in Großstädten genauso kennen dürften, wie deutsche Familien, die in ein kleines Dorf ziehen: „Wann dürfen sich die Zugezogenen in ihrer neuen Heimat genauso zuhause fühlen, wie die Einheimischen?“ Eskandari-Grünberg hofft, dass sich diese Frage durch das gemeinsame Gestalten der Heimat bestenfalls schnell erledigt.

Text: Thomas Rünker | Bistum Essen

Foto: Achim Pohl | Bistum Essen